Leichter bergauf radln

Teil 1 - die richtige Übersetzung

Mit der richtigen Übersetzung erklimmst Du (fast) jeden Berg - und das ohne Doping.

Was der Begriff Übersetzung bedeutet und worauf dabei zu achten ist erklären wir Dir in diesem Artikel.

Strassenkarte, Routenplanung

Wer schon mal eine längere Steigung bergauf geradelt ist, weiß wie anstrengend so etwas sein kann. Doch wieso radeln so viele Hobbysportler freiwillig selbst die größten und steilsten Alpenpässe hinauf? Manche - so wie - wir tun dies gar mit reichlich Gepäck während einer mehrwöchigen Radtour - und es macht uns auch noch Spass! Wie geht das?

 

Natürlich ist für so eine Tour in den Bergen zuerst eine gute Grundkondition erforderlich, doch auch die richtige Übersetzung spielt eine entscheidende Rolle. Die Grundlagen und ein tolles Hilfsmittel zur Ermittlung der für Dich passenden Übersetzung stellen wir Dir in diesem Artikel vor.

Was bedeutet eigentlich "Übersetzung"?

Einfach erklärt: Die Übersetzung bei einem Fahrrad meint, welche Wegstrecke legt das Fahrrad zurück, wenn man mit der Kurbel eine ganze Umdrehung macht.

Befindet sich die Kette vorne auf dem großen Kettenblatt (d.h. viele Zähne, z.B. 42) und hinten auf dem kleinsten Ritzel (d.h. wenige Zähne, z.B. 11), so bewegt sich das Rad bei einer Kurbelumdrehung eine weite Strecke nach vorne (man spricht von einem großen Gang). Ist die Kette umgekehrt vorne auf dem kleinsten Kettenblatt (z.B. 24 Zähne) und hinten auf dem größten Ritzel (z.B. 34 Zähne), dann bewegt sich das Rad eine wesentlich kürzere Strecke nach vorne (man spricht von einem kleinen Gang, oder Berggang). Hätten Kettenblatt und Ritzel genau die gleiche Zähnezahl, so legt das Rad bei einer Kurbelumdrehung exakt den Umfang des Reifens als Wegstrecke zurück.

 

Zu kompliziert? Zur Veranschaulichung ein Rechenbeispiel für das oben abgebildete Rad. Es hat vorne eine Dreifachkurbel (3 Kettenblätter) mit der Abstufung 42/32/24 Zähne und hinten eine Kassette mit 10 Ritzen mit der Abstufung 11 - 34 Zähne. Die Reifen haben 26 Zoll Durchmesser und sind 2,25 Zoll breit. Mit diesen Angaben kann man sich jetzt für jede beliebige Kombination von Übersetzung die Wegstrecke ausrechnen (sog. Entfaltung), die das Rad bei einer Kurbelumdrehung zurücklegt. Zuerst berechnet man aus den Angaben den Radumfang oder man misst ihn ganz einfach mit einem Maßband, indem man den Reifen einmal am Boden abrollt und Anfang und Ende mit einem Strich markiert. Im Beispiel ergibt das einen Radumfang von ca. 2120 mm.

 

O.K., ich habe es mir mühsam von Hand für einige Übersetzungen ausgerechnet um ein Gefühl zu bekommen. Noch umständlicher wird es, wenn man die Übersetzung von zwei Rädern vergleichen möchte. Hier gibt es ein klasse online-Hilfsmittel, das wir Euch gleich vorstellen werden, doch etwas Theorie zum Verständnis ist noch nötig, daher Geduld und weiterlesen!

Wie finde ich die richtige (Berg-)Übersetzung für mich?

Die Antwort auf diese Frage hängt von mehreren Faktoren ab, daher muss man die Frage präzisieren. Man sollte sich zuerst fragen, welche Art von Tour man plant. Soll es eine schnelle Tour ohne Gepäck mit dem Rennrad in eher flachem Terrain sein, oder geht es über lange Alpenpässe mit viel Gepäck? 

 

Variante 1 - Rennrad ohne Gepäck, flaches Terrain

Hier will man vor allem schnell fahren, eine bergtaugliche Übersetzung spielt keine Rolle. Im Prinzip kann man jedes Rennrad mit der Standardübersetzung  verwenden. Das bedeutet vorne i.d.R. zwei Kettenblätter mit 53/39 Zähnen oder eine Kompaktkurbel mit 50/34 Zähnen. Auf dem Hinterrad reicht in beiden Fällen eine Kassette ("Zahnkranz") mit einer Abstufung von z.B. 11 - 27 Zähnen.

 

Variante 2 - Tourenrad mit viel Gepäck und längeren Bergen

Hier zählt weniger die maximal mögliche Entfaltung (Erklärung siehe weiter oben) als vielmehr eine möglichst kleine Übersetzung, d.h. ein guter Berggang. Für das eingangs beschriebene MTB wäre der kleinste Gang die Übersetzung mit 24 Zähnen auf dem kleinsten Kettenblatt vorne und 34 Zähnen auf dem größten Ritzel hinten. Das entspricht einer deutlichen Übersetzung ins Langsame, weil man mit einer Kurbelumdrehung vorne weniger als eine Reifenumdrehung zurücklegt. In Zahlen heißt das hier:  nur 1,50 m (zur Erinnerung: der Radumfang ist 2,12 m). Je geringer  diese Entfaltung ist, desto leichter kann man bergauf treten, allerdings wird man auch immer langsamer. Aus unserer persönlichen Erfahrung ist auf Asphalt eine Minimalgeschwindigkeit von 5,5 - 6 km/h erforderlich, um das Gleichgewicht auf dem Rad halten zu können, insbesondere mit Gepäck. Ein allzu extremer Berggang macht daher auch keinen Sinn.

Zum Vergleich: Will man mit Höchstgeschwindigkeit die Passstraße hinunterjagen, so benötigt man einen möglichst großen Gang (große Entfaltung) um bei hohen Geschwindigkeiten noch mittreten zu können. Hier bei dem Radl wäre das eine Übersetzung von 42 Zähnen auf dem größten Kettenblatt vorne und 11 Zähnen auf dem kleinsten Ritzel hinten. Das heißt eine Übersetzung ins Schnelle. In Zahlen heißt das hier: 8.09 m/Kurbelumdrehung.

 

Die entscheidende Frage lautet jetzt, ist dieser Berggang für mich klein genug?

Ob der Berggang für mich klein genug ist, so dass ich mit einer für mich angenehmen (bzw. noch erträglichen) Anstrengung bergauf radeln kann, ist individuell unterschiedlich. Neben der eigenen Fitness hängt dies auch noch vom Reifenumfang ab. Logischerweise hat ein großes Laufrad mit großen Reifen, z.B. 29-Zoll Laufräder mit 3,0 Zoll breiten Reifen (Stichwort 29-Plus-Format) einen deutlich größeren Umfang als das Eingangs beschriebene 26-Zoll Laufrad. Will ich bei beiden Rädern mit der gleichen Übersetzung fahren, so muss ich die Zähnezahlen beim Kettenblatt vorne oder dem Ritzel hinten entsprechend anpassen. In diesem Beispiel könnte man daher hinten eine größere Kassette (z.B. mit der Abstufung 11-42 Zähnen) montieren oder vorne ein kleines Kettenblatt mit weniger Zähnen montieren. Welche genaue Übersetzung das ergibt, lässt sich wieder berechnen (siehe oben.)

 

O.K., bevor wir jetzt viele Varianten durchrechnen, kommen wir zum eingangs erwähnten genialen Hilfsmittel, dem sogenannten Ritzelrechner.

Der Ritzelrechner

Der Ritzelrechner ist ein klasse Werkzeug, um die Übersetzung an einem Rad exakt zu berechnen. Daneben bietet er aber noch weitere tolle Funktionen, insbesondere lässt sich die Trittfrequenz in die Überlegungen zur richtigen Übersetzung mit einbeziehen und man kann dabei sogar zwei Räder mit unterschiedlichen Übersetzungen und sogar unterschiedlichen Laufradgrößen direkt miteinander vergleichen. 

 

Hier ist der Link: http://ritzelrechner.de 

 

Um bei so vielen Funktionen nicht den Überblick zu verlieren, wollen wir Dir ein paar Tipps zur Anwendung geben.

  • Bei den Einstellungen solltest Du unter Anzeige auf "Geschwindigkeit" umschalten.
  • Anschließend die Trittfrequenz mit dem Regler auf ca. 70 Umdrehungen/Min. reduzieren, was einer langsameren Trittfrequenz entspricht. Ergonomisch sinnvoll ist üblicherweise eine Trittfrequenz, die zwischen 70 - 100 liegt. Deutlich langsamer belastet die Knie extrem, da man mit zu viel Kraft tritt. Allerdings ist die Trittfrequenz individuell recht unterschiedlich. 

Um jetzt ein Gespür für die individuell passende Übersetzung zu entwickeln, benötigt man etwas Zeit und Muße zum Ausprobieren. Wir haben dafür die folgenden Schritte unternommen:

  • Man suche sich eine gleichmäßige, deutliche Steigung auf einer Asphaltstraße und sollte ein Fahrrad mit Tacho verwenden. 
  • Fahre die Straße mehrmals im Sattel sitzend im kleinsten Gang flüssig tretend bergauf, mit einer Trittfrequenz, die Dir angenehm erscheint und merke Dir die Geschwindigkeit mit der Du fährst. Ist der Widerstand beim Treten für Dich zu gering, einfach in einen schwereren Gang schalten.
  • Notiere Dir die gefahrene Übersetzung, indem Du die Zähnezahl von Kettenblatt und Ritzel zählst.
  • Jetzt kannst Du die individuell ermittelten Werte in den Ritzelrechner eingeben, also Reifenformat und Übersetzung.
  • Mit etwas Ausprobieren findest Du anhand der gefahrenen Geschwindigkeit auch heraus, was für Dich eine angenehme minimale Trittfrequenz ist.
  • Jetzt heißt es vergleichen und verschiedene Übersetzungsvarianten durchspielen.  

1-fach, 2-fach oder gar 3-fach-Kurbel?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, da sie zu sehr vom Einsatzbereich abhängt. Wer es genau wissen will, der gibt einfach mal die unterschiedlichen Varianten im Ritzelrechner ein und vergleicht.

 

Überschlägig kann man aber sagen, dass i.d.R. die Bandbreite oder auch Spreizung der Gänge zwischen leichtem Berggang und schnellen Gängen bei 2- und 3-fach Antrieben am größten ist, so dass man immer einen passenden Gang finden sollte, allerdings ist das Gewicht etwas höher als bei 1-fach Antrieben. Mit der 1x12-Eagle-Schaltung von SRAM ist dieser Nachteil der geringeren Bandbreite an Gängen von 1x11-Antrieben auch kein Thema mehr. Clemens fährt seit einigen Monaten mit seinem MTB die SRAM 1x12 GX Eagle-Gruppe und ist begeistert. 

Heute gibt es zumindest an MTBs fast nur noch 1- oder 2-fach Antriebe, manche verwenden sogar ein gekapseltes Getriebe (Rohloff, Pinion). Die Perfekte, einzige Lösung existiert daher nicht, doch zumindest sollte jeder Leser einen guten Einblick in die Thematik gewonnen haben, um abschätzen zu können, was ihm am besten passen sollte.

Fazit und Ausblick

Die Arbeit mit dem Ritzelrechner finden wir sehr spannend, da wir so relativ leicht abschätzen können, ob die an einem anderen Fahrrad montierte Übersetzung für uns passend ist. Als Ausgangspunkt haben wir jeweils ein eigenes Rad genommen, bei dem uns die (Berg-) Übersetzung sehr gut passt.

Ob man eine längere Steigung mit einer als subjektiv erträglich empfundenen Anstrengung erklimmt, oder ob man völlig erschöpft den Gipfel erreicht, hängt außer von der richtigen Übersetzung noch von weiteren Faktoren ab. Diese stellen wir Dir im folgenden Artikel vor und geben Dir praktische Tipps zur Abhilfe.


Teil 2 - Vergleich zweier Räder im Praxistest

Vergleich von 2 MTBs. Mit welchem kommt man besser bergauf?

Extreme bieten den Vorteil, dass die Unterschiede leichter sichtbar werden. Daher vergleichen wir zwei sehr unterschiedliche Fahrräder miteinander, die beide für den gleichen Einsatzzweck gedacht sind. Beides sind leichte MTB-Hardtails für den Cross-Country Einsatz.

Links im Bild ist ein 26-Zoll MTB-Hardtail mit einer 3x10 Übersetzung, rechts im Bildausschnitt sieht man den 1x11 Antrieb an einem aktuellen 29-Zoll MTB-Hardtail. Mit welchem Antriebskonzept fährt man leichter bergauf? Wir machen den Test!

 

Zunächst betrachten wir das 26-Zoll MTB. Mit dem Ritzelrechner (siehe Teil 1) berechnen wir die montierte Übersetzung. Im kleinsten Berggang, also vorne auf dem kleinsten Kettenblatt mit 24 Zähnen und hinten auf dem größten Ritzel mit 36 Zähnen ergibt sich eine Entfaltung von  1,41 m. Das ist wirklich sehr wenig und reicht theoretisch für extrem steile Anstiege aus.

 

Das 29-Zoll MTB bietet vorne nur ein Einfach-Kettenblatt mit 28 Zähnen und hinten eine breit gespreizte Kassette mit 10-42 Zähnen. Mit der Übersetzung vorne 28 und hinten 42 Zähne ergibt sich eine Entfaltung von 1,55 m. Hier hat also das 26-Zoll MTB die Nase vorne.

 

Doch damit wollen wir uns nicht zufrieden geben. Wir haben es ausprobiert und sind mit beiden Rädern den gleichen steilen Anstieg hinauf geradelt. 

Das Ergebnis

Mit dem 26-Zoll MTB geht es nicht leichter bergauf als mit dem 29-Zoll MTB! Die Erklärung findet sich erst auf den zweiten Blick.

 

Zwar ist die Übersetzung am 26-Zoll MTB geringfügig besser, jedoch ist die Sitzposition etwas aufrechter. Dadurch steigt das Vorderrad in sehr steilen Passagen (um die 24%) leichter auf als bei dem 29-Zoll MTB. Nur mit viel Körpereinsatz, d.h. wenn man sich extrem weit nach vorne über den Lenker des 26-Zoll MTBs beugt, behält man die Bodenhaftung. Dafür muss man bei dem 29-Zoll MTB mit etwas mehr Kraft bergauf treten, will man die gleiche Trittfrequenz wie bei dem 26-Zoll Rad beibehalten. Dieser Test verlief auf Asphalt, auf Schotter ist das 29-Zoll Rad etwas im Vorteil, weil die Reifen durch den größeren Durchmesser eine größere Aufstandsfläche bieten und damit mehr Grip. Das 26-Zoll MTB muss man in besonders steilen Passagen etwas schneller bergauf fahren, um die gleiche Haftung zu behalten, wie bei dem 29-Zoll Rad. Kommen jetzt noch Unebenheiten hinzu, verschiebt sich der Vorteil weiter zum 29-Zoll Rad, das Hindernisse leichter überrollen kann.

 

Doch Vorsicht, das Fahrradgewicht spielt bergauf eine große Rolle. Unser Vergleich von zwei MTBs funktioniert, da beide Räder in etwa gleich schwer sind.

Unser Fazit:

Welches Übersetzungskonzept einem besser gefällt, ist zu einem gewissen Grad Geschmacksache und hängt immer vom Einsatzgebiet ab.

 

Das ältere 3x10-Konzept bietet sehr viele, sehr eng abgestufte Gänge, was ergonomisch vorteilhaft ist. Um immer mit der optimalen Trittfrequenz treten zu können, muss man allerdings sehr oft schalten und durch die 3 Kettenblätter vorne gibt es viele Gangüberschneidungen. Effektiv bieten also selbst diese 30 Gänge nur etwa 14 "echte" Gänge. Ist der Berg nicht zu steil, kommt man mit dem 26-Zoll Rad mit etwas weniger Krafteinsatz bzw. etwas flotterer Trittfrequenz bei gleicher Geschwindigkeit bergauf. Je schlechter der Untergrund wird, desto mehr ist das 29-Zoll Rad im Vorteil, weil es mehr Traktion bietet und Hindernisse leichter überrollt.

 

Das 1x11-Konzept besticht mit einem geringeren Systemgewicht, einer sehr intuitiven Bedienung und simpleren Technik. Im Geländeeinsatz ist das ein klarer Vorteil. Dafür sind die Gangsprünge etwas größer, was man vor allem auf der Straße merkt und die Gesamtübersetzung ist in unserem Beispiel mit 420% deutlich kleiner als beim 3x10-Antrieb mit 573%. Will man also schnell bergab fahren, dann kann man relativ früh nicht mehr mittreten, weil man eben nur 11 echte Gänge hat.

 

Update

Nach einigen Monaten im Test können wir bestätigen, dass sich die 1x12 SRAM GX Eagle-Gruppe mit einer Gesamtübersetzung von 500% hervorragend fährt. Dies gilt besonders im Geländeeinsatz, wenn eine einfache Bedienung zählt. Die Abstufung der Gänge ist gelungen, mit einer relativ engen Abstufung bei den schnellen Gängen und größeren Sprüngen bei den Berggängen. 

Ein bisher nicht bedachter Vorteil kommt hinzu. Mit nur einem Kettenblatt vorne und dem riesigen Ritzelpaket hinten scheint der Antrieb etwas wenig schmutzempfindlich zu sein als das 3x10 Konzept. Auf unserer letzten mehrwöchigen Bikepacking-Reise durch die Seealpen mussten wir Kette und Ritzel weniger oft säubern als früher. Wer will sich da beschweren?


Teil 3 - die richtige Taktik

Wie fährt man besser bergauf? Im ersten Teil ging es um die richtige Übersetzung, im zweiten um den Vergleich von zwei MTBs im Praxistest, jetzt folgen praktische Tipps und Denkanstöße.

 

Du hast unseren ersten Teil zur richtigen Übersetzung gelesen und bist heiß auf die ersten längeren Passfahrten? Sehr gut, hier kommen unsere Tipps zum besseren bergauf Fahren. Noch ein Wort vorweg: wir gehen in unseren Überlegungen von einer Bikepacking-Tour oder Radreise aus, also ein Rad mit Gepäck, z.B. Zelt, Campingausrüstung, Verpflegung, usw. und das ganze in der wärmeren Jahreszeit. Also los geht's.

Ja, bergauf radeln ist anstrengend, auch wenn man trainiert ist, daran lässt sich nichts ändern. An ein paar Randbedingungen kann man hingegen sehr wohl schrauben. Viel Vergnügen bei der Lektüre. 

1. Die Masse macht`s. An der Physik können wir nichts ändern, uns ihrer aber bewusst werden hingegen schon. Konkret sollte man sein Systemgewicht reduzieren soweit es möglich ist, d.h. das Radl und das Gewicht der Ausrüstung reduzieren, ggf. auch das eigene Körpergewicht(?). Je leichter man unterwegs ist, desto besser fährt es sich bergauf! Diese Erkenntnis klingt recht banal, doch oft genug ertappt man sich selbst dabei und schleppt überflüssiges Gewicht herum. Bergauf spürt man jedes extra-Kilo an Gewicht und man wird langsamer. Deshalb überlege bei jedem einzelnen Ausrüstungsgegenstand, ob Du ihn wirklich benötigst, oder ob er sich zumindest durch einen leichteren ersetzen ließe. Gerade Wasser und Lebensmittel sind schwer, hier sollte man sich gut überlegen, wie viel man wirklich braucht, bis sich die nächste Verpflegungsmöglichkeit bietet.

2. Reifen und Luftdruck. Die Wahl von leichteren, hochwertigen Reifen (oder sogar Laufrädern) hat ein großen Einfluss auf das Fahrverhalten des Rades. Zumindest bei der Reifenwahl empfehlen wir immer hochwertige Reifen zu verwenden, die sind zwar teurer dafür aber meist deutlich leichter als die einfachen Versionen und sie bieten auch mehr Haftung. Des Weiteren  sollte man den Reifen an den Einsatz anpassen, will heißen ist ein Großteil der Tour auf Schotter oder unbefestigten Wegen geplant, so empfehlen sich wegen des höheren Grips und Komforts eher Mountainbike-Reifen anstelle von schmalen, hart aufgepumpten Straßenreifen. Allerdings verschleißen MTB-Reifen (siehe 3. Bild) auf Asphaltabschnitten deutlich schneller als Straßenreifen, auch rollen sie durch die Stollen spürbar schwerer. Als guten Kompromiss auf unseren letzten Radreisen mit überwiegend rauem Asphalt und einigen Schotterstraßen haben wir auf unseren 26-Zoll-Reiserädern den Schwalbe Marathon Mondial in 50 mm Breite aufgezogen (im 2.Bild der unterer Reifen). Dieser rollt zwar etwas schwerer als ein reiner Straßenreifen, z.B. der Schwalbe Marathon (im 2. Bild der obere Reifen), doch er funktioniert auch auf Schotter gut und bietet einen tollen Pannenschutz, ist extrem langlebig bei zugleich geringem Gewicht.

Im 4. Bild ist ein typischer Gravel-Reifen dargestellt mit feinem Diamantprofil, hier in der 28 Zoll-Version mit  42 mm Breite. Dieser Reifen ist ideal für harte, trockene Untergründe und greift selbst auf feinen Sandpisten noch gut. Auf Asphalt fühlt man sich ebenfalls wohl. 

3. Sitzposition + Ergonomie auf dem Rad. Dieser Punkt wird oft sehr vernachlässigt! Schmerzen am Gesäß, eingeschlafene Hände, Verspannungen im Nacken - das will keiner. Man sollte seine eigene Sitzposition immer wieder überprüfen, bzw. testen, ob sie sich nicht optimieren lässt. Dieses Thema ist extrem umfangreich, nicht umsonst gibt es eigene Bikefitting-Experten, bzw. gute Radgeschäfte bieten ein Bikefitting gegen Aufpreis an. Wir wollen und können hier nicht alle Punkte ansprechen, daher nur das Wichtigste in Kürze zu den Grundeinstellungen. Passen Sattelhöhe, Sattelposition (vor - zurück), Sattelneigung, Sattelform, Lenkerform und -breite, Lenkergriffe, eigene Sitzposition auf dem Rad?

Das teuerste und beste Rad nützt gar nichts, wenn es nicht sorgfältig auf den Fahrer abgestimmt ist. Hier sollte man sich wirklich Zeit nehmen, vor allem bei einem neuen Rad. Wir empfehlen auch Klickpedale und Fahrradschuhe zu verwenden, da man so länger ergonomisch treten kann. Mit MTB-Schuhen kann man trotz der Cleats an der Sohle recht gut gehen (Das Foto stammt von einem Spaß-Vogel).

4. Das Wetter + die passende Ausrüstung. "Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung." Diesen Spruch kennt jeder und er stimmt auch meistens. Allerdings gibt es zumindest im Gebirge sehr wohl schlechtes Wetter, das man auch mit guter Kleidung lieber meiden sollte. Mag ein Gewitter im Tal oder der Ebene noch relativ harmlos wirken, auf einer ungeschützten Passstraße oberhalb der Baumgrenze kann es lebensgefährlich sein. Lieber einmal seinem inneren Schweinehund nachgeben und es an einem geschützen Ort abwarten oder die Route anpassen anstatt sich und evtl. andere unnötig in Gefahr zu bringen.


5. Essen und Trinken. Um unterwegs am Berg keinen Einbruch zu erleben sollte man mit dem Essen nicht zu lange warten. Lieber öfter eine Kleinigkeit zu sich nehmen und regelmäßig trinken und zwar bevor man Hunger und Durst verspürt, da die Leistungsfähigkeit  schon vorher abnimmt, ohne dass man es groß merkt. Hat man den Zeitpunkt verpasst rechtzeitig zu essen und zu trinken, kann der "Notaus" plötzlicher kommen als gedacht. Wir haben selbst diese unschöne Erfahrung gemacht.


6. Nur kurze Pausen. Wir legen immer wieder kurze Pausen zum Essen ein, versuchen aber meist während der Fahrt zu essen und zu trinken. Ist der Anstieg jedoch sehr steil, sind kurze Pausen sinnvoller, jedoch wirklich nur kurze, um nicht aus dem Rhythmus zu geraten.

 

7. Kühlen bei Hitze. Man kann sich selbst öfters eine Erfrischung geben, indem man sich mit der Trinkflasche vom Rad etwas Wasser auf den Kopf spritzt.  Bei großer Hitze, hartem Anstieg und starker Sonneneinstrahlung sollte man sich so regelmäßig kühlen, um einen Hitzschlag zu vermeiden und um leistungsfähiger zu bleiben. Wir tragen auch konsequent eine Radkappe, selbst unter dem Helm, um uns vor der Sonne zu schützen. Als Nebeneffekt schützt der Schirm das Gesicht vor der Sonne und saugt das "Kühlwasser" auf, so dass die Kühlung durch Verdunstung besser funktioniert. Wer's nicht glaubt soll einfach mal die Profis im Rennen beobachten, sie kühlen sich regelmäßig mit Wasser.

8. Siesta einlegen. Auch eine längere Pause im Schatten kann während eines heißen Tages sinnvoller sein, als sich mit Gewalt bergauf zu quälen um dann oben völlig entkräftet und dehydriert anzukommen. Hat man genug Zeit so kann man natürlich umgekehrt  versuchen, die Mittagshitze zu vermeiden, indem man möglichst früh oder auch spät am Tag einen Pass in Angriff nimmt.

 

9. Mentale Stärke. Der Anstieg zieht sich, die Sonne brennt vom Himmel, das Wasser ist doch ausgegangen und bis zur Passhöhe ist es noch ein gutes Stück? Auch dieses Erlebnis hatten wir selbst. Jetzt hilft alles nichts, entweder man rollt zurück ins Tal oder überwindet sich und fährt mit möglichst gleichmäßigem, nicht zu schnellen Tempo weiter. Mindestens genauso wichtig wie der Körper ist die mentale Stärke, sich auf das Ziel zu fokussieren und an sich selbst glauben.


10. ...und ausreichendes (Grundlagen-) Training vor der Tour. Klar, ohne Training läuft gar nichts, schon gar nicht eine längere Passfahrt. Der Körper muss vorher an die Anstrengung gewöhnt werden. Je kontinuierlicher man trainiert, desto besser.

 

11. Wie fährt man am besten bei Eis, Schnee und knackigen Minusgraden? 

Unsere Meinung: höchstens mal eine kurze Runde oder eben nicht - Punkt (Wo bitte wäre hier der Dolce-Faktor?).

 

 

Du hast noch weitere Fragen oder Anregungen? Dann schreib`uns an: team@berghuhn.de