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Wir testen das neue Specialized Roubaix Comp

Angesichts der winterlichen Temperaturen in Deutschland gönnten wir uns Ende Dezember ein paar Tage Urlaub mit Wärme und Sonnenschein auf Gran Canaria. Doch anstatt nur faul in der Sonne am Strand zu liegen, erkundeten wir die schöne Insel mit dem Rennrad. Wir machten einen örtlichen Bikeverleih ausfindig, der zu unserer Freude das neue Specialized Roubaix des Jahrgangs 2020 im Angebot hatte. Nachdem vor allem die verkehrsärmeren Nebenstraßen zum Teil einen sehr rauen oder holprigen Asphalt aufweisen, bot sich ein Rennrad mit besonders viel Komfort an. Genau hier soll sich das Roubaix dank seiner neuen Pavé-Sattelstütze sowie des Future-Shock Systems an der Front besonders geschmeidig über schlechte Straßen fahren lassen, behauptet zumindest die Homepage von Specialized. Was sich hinter diesen kryptischen Namen versteckt und wie sich die Räder für uns bewährt haben, das lest ihr hier, oder Ihr seht Euch zuerst  unser Testvideo weiter an. Viel Spaß dabei!

Im Test - Specialized Roubaix

Transparenzhinweis

Diese Beschreibung spiegelt nur unsere persönlichen Eindrücke wieder. Trotz Markennennungen erhalten wir keine Bezahlung für diesen Artikel. Die Räder haben wir für den Test auf eigene Kosten gemietet.

 

Für alle Details der Räder sowie die Ausstattung siehe die Herstellerseite: www.specialized.com

*Wir übernehmen keine Haftung für die Inhalte von externen Webseiten*

Zielgruppe des Roubaix

Allen Radsportbegeisterten dürfte das Profi-Eintagesrennen Paris-Roubaix mit dem Beinamen "Königin der Klassiker" ein Begriff sein. Die Klassikerspezialisten der Rennradprofis fahren während eines Tages im April über rund 250 km durch Nordfrankreich von Compiègne ins Radstadion von Roubaix. Die Schwierigkeit des überwiegend flachen Rennkurses liegt im wechselhaften Wetter zu dieser Jahreszeit, vor allem aber in den zahlreichen Kopfsteinpflasterabschnitten, den berüchtigten Pavé-Sektoren, über die die Fahrer fahren müssen. Je nach Auflage des Rennens sind das insgesamt rund 55 km! Als wäre das noch nicht Tortur genug, sind die Kopfsteinpflasterabschnitte in fünf unterschiedliche Kategorien eingeteilt. Kategorie 1 ist ein kaum holpriges, gut befahrbares Pflaster, während man sich als Zuschauer für die Kategorie 5 wohl eher für ein Mountainbike wünschen dürfte. 

 

Ja Ihr lest richtig, hier geht es um ein Rennrad und kein Mountainbike. Specialized hat für solche Rennen ein Rennrad mit Endurance-Geometrie und einem möglichst komfortablen Carbonrahmen gebaut, das Roubaix. Um den Fahrkomfort weiter zu erhöhen, ist im Lenkkopf eine Federung mit 20 mm Hub integriert, das sogenannte Future-Shock System. Je nach Ausstattungsvariante des Komplettbikes ist diese Federung sogar fast komplett blockierbar, ähnlich wie bei einer Federgabel am Mountainbike. Am Heck gibt's die neue S-Works Pavé Sattelstütze, die durch die neue "Drop-Clamp" Stützenklemmung und eine spezielle Carbonfaserbelegung genauso stark flexen soll, wie die Federung an der Front. Das wären immerhin 20 mm! Außerdem hat die Sattelstütze eine Aeroform, sie verbessert also die Aerodynamik des Rades ohne ein zusätzliches Gewicht. Mehr dazu zeigen wir später in den Fotos. Um den Komfort des Rades - und sicherlich auch um den Pannenschutz weiter zu verbessern - erlauben der Rahmen und die Gabel die Montage von bis zu 33 mm breiten Reifen.

Die Zielgruppe für das Rennrad ist also klar: wer eher entspannt sitzen möchte anstatt sehr gestreckt und lange Strecken auf zum Teil holprigen Straßen fährt, der ist hier richtig.

Doch stimmt das alles wirklich? Wir haben es ausprobiert.

Ausstattungshighlights & Optik

Wir fuhren bei unseren Touren das Roubaix in der Comp Ausführung mit einem UVP von 3799 €. Es ist mit einer kompletten Shimano Ultegra 11-fach Gruppe mit Kompaktkurbel (50/34 Zähne), mit einem Ultegra RX 800-Schaltwerk, einer bergtauglichen Kassette mit 11-34 Zähnen, hydraulischen Scheibenbremsen, sowie einem R 470 Disc Laufradsatz von DT-Swiss ausgestattet. Der hauseigene Hover-Lenker hat in der Mitte bei der Klemmung am Vorbau einen sogenannten Rise, um die Hände des Fahrers 15 mm höher zu heben. Wir haben für den Test unsere eigenen, gewohnten Sättel montiert, da an den Mietbikes zwei einfachere Sättel montiert waren. Die Originalreifen von Specialized waren durch 25 mm breite Ultra Sport Reifen von Continental ersetzt worden. Ansonsten entsprach die Ausstattung unserer Räder genau den Angaben auf der Webseite von Specialized.

Klar, über die Optik lässt sich streiten, aber wir fanden die Räder sehr schick und farblich stimmig. Mit der Farbvariante "Gloss Dove Gray/Crimson-Rocket Red" fällt man auf jeden Fall auf.

Neu ist bei Specialized seit diesem Jahr, dass es bei allen Bikes keine speziellen Herren- oder Damenmodelle mehr gibt. Begründet wird das damit, dass die Ergonomieunterschiede zwischen zwei Fahrern gleichen Geschlechts größer sein können als zwischen Mann und Frau. Dazu später mehr!

Unser Fahreindruck

Während unserer insgesamt 5 Tagestouren mit gut 300 km aber fast 7000 hm fuhren wir auf recht unterschiedlichen Straßen. Von perfekt glattem Asphalt (sehr selten) über rauen, welligen Untergrund (auf den Nebenstraßen eher die Regel) bis hin zu einer üblen Schlaglochpiste war alles dabei. Auch die bergtaugliche Übersetzung lernten wir dank teilweiser extremer Steilrampen mit rund 24% sehr zu schätzen, hier wäre uns sogar eine 36er-Kassette noch lieber gewesen. Flach war es, abgesehen von ein paar Kilometern Radweg an der Uferpromenade in Las Palmas selbst, so gut wie nie. 

Sitzposition, Schaltung, Bremsen

Die Sitzposition ist sportlich-entspannt und für ein Endurance-Rennrad passend. Nachdem sie unseren eigenen Gravelbikes recht nahe kommt, fühlten wir uns nach wenigen Metern Eingewöhnung sehr vertraut. Auch das Lenkverhalten ist direkt und agil. Willig und präzise lässt sich das Rad durch die Kurven steuern. Die Schaltung funktioniert gewohnt schnell und problemlos, dank des RX-Schaltwerks schlackert auch die Kette bei holprigem Untergrund deutlich weniger als bei einem normalen Rennradschaltwerk, das ist angenehm.

Die hydraulischen Scheibenbremsen verzögern bei wenig Handkraft beim Bremsen zuverlässig und nehmen selbst steilen Passagen den Schrecken. Gerade bei längeren Abfahrten ist das von Vorteil. Nur wenn die Bremsen mal etwas heißer werden und man sie wieder öffnet, dann schleifen die Scheiben für einige Meter sehr gut hörbar an den Bremsbelägen. Doch das galt für uns bislang bei allen Shimano Ice-Tech-Bremsscheiben, also auch am MTB. Überhaupt liegen die überarbeiteten Bremsschalthebel sehr angenehm in den Händen, dank der strukturierten Oberfläche der Bremshutzen greifen sie sich noch besser als bislang.

Fahrkomfort

Fehlt noch der letzte und hier vermutlich spannendste Punkt bei diesem Rad, der Komfort. Um es kurz zu machen: Ja, dieses Rad spielt - gemessen an einem klassischen Rennrad - von seinem Komfort her in einer eigenen Liga. Selbst im direkten Vergleich mit Endurance-Rennrädern von anderen Herstellern fällt das sofort auf. Tatsächlich wirkt der Komfort an der Front und am Heck sehr harmonisch abgestimmt. Vor allem die Vibrationen am Lenker und an der Sattelstütze werden wirkungsvoll herausgefiltert und vermitteln ein deutlich entspannteres Fahrgefühl als bei klassischen Bikes. Selbst unsere eigenen Gravelbikes fahren sich, trotz breiterer Reifen (28 bzw. 32 mm) im Vergleich mit dem Roubaix, spürbar härter!

Wären an den Mieträdern statt der 25 mm die maximal möglichen 33 mm breiten Reifen verbaut gewesen, so hätten wir mit weniger Luftdruck fahren können und der Komfort und die Traktion auf den schlechten Straßenabschnitten wären sicher noch einmal besser gewesen. Doch selbst mit diesen schmalen Reifen waren wir vom Komfort sehr angetan.

Noch ein Wort zum Thema Bereifung. Wie groß die maximal mögliche Reifenbreite an einem Rad in der Praxis ist, hängt immer vom montierten Reifenmodell und dem Hersteller ab. Die auf den Mänteln angegebenen Breiten weichen manchmal spürbar von den tatsächlichen Breiten im montierten Zustand ab. Außerdem spielt die Maulweite der Felgen eine Rolle. Hier müsste man vermutlich einfach ausprobieren, wie breit der Reifen maximal sein darf, um am Rahmen und der Gabel noch ausreichend Luft zu lassen.

Die neue Pavé-Carbon-Sattelstütze flext vergleichbar gut wie die bisherige S-Works CG-R Carbon-Sattelstütze. Sicher trägt dazu auch die neue Form der Klemmung der Pavé-Stütze bei. Da diese etwas tiefer im Sitzrohr des Rahmens ansetzt, ist der Auszug der Stütze etwas länger, wodurch ein längerer Hebelarm zur Verfügung steht.

Gewicht

Das Gewicht der fahrbereiten Bikes ist erfreulich niedrig. In Rahmengröße 56 wog das fahrbereite Rad inclusive Shimano SPD-Pedalen und 2 Flaschenhaltern 9,0 kg, in Rahmengröße 58 stoppte unsere Waage bei 9,1 kg. So macht das Beschleunigen richtig Laune.

Probleme bei der Griffweitenverstellung der Bremsschalthebel

Ein Problem stellte Judith an ihrem Rad fest. Die Griffweite der Bremsschalthebel waren für ihre Hände etwas zu groß. Zwar lässt sich die Griffweite dieser Bremsschalthebel mit einem Inbusschlüssel bequem und stufenlos verstellen, doch das reichte nicht. Selbst in der engsten Einstellung war der Abstand zum Lenker etwas zu groß und das obwohl sie normal große Hände hat. Wer kleine Hände hat - egal welchen Geschlechts - könnte also ein Problem haben die Hebelweite ausreichend verstellen zu können. Im Radgeschäft war man zwar bemüht uns zu helfen, letztlich aber auch ratlos. Bei Judith`s eigenem Rad mit einer Shimano-Tiagra 4700-Schaltung liess sich die Griffweite hingegen passend einstellen. Womöglich spielte auch die Lenkerform des Hover eine Rolle. Die Montageposition der Bremsschalthebel am Lenker selbst war passend. Während der Touren konnte sie daher nur mit den Händen an den Bremsschalthebeln sicher schalten und bremsen, nicht aber aus der Unterlenkerposition heraus. Das war sehr schade!

Roubaix versus Diverge

Zur Erinnerung, das Diverge ist aktuell das einzige echte Gravelbike das Specialized in Deutschland verkauft (siehe unser Testbericht hier). Angesichts der großen möglichen Reifenbreite bis 33 mm sowie der Future-Shock Lenkkopffederung und der stark flexenden Pavé Carbon-Sattelstütze könnte man sich beim Roubaix fast fragen, wo eigentlich der große Unterschied zum Diverge besteht?  Vergleicht man die Rahmengeometrie der beiden Räder, dann sind die Unterschiede nicht sehr groß. Tendenziell sitzt man auf dem Roubaix etwas gestreckter bei zugleich einem etwa 1 Grad steileren Lenkwinkel und einer geringeren Tretlagerabsenkung als beim Diverge. Beim Diverge ist die Tretlagerhöhe (gemessen über dem Boden) effektiv durch die dickeren Reifen aber nur ein paar Millimeter tiefer als beim Roubaix. Die Geometrieunterschiede zwischen beiden Rädern sind also nicht gravierend.

Ohne hier zu weiter ins Detail zu gehen: Das Diverge hat eine mehr fürs Offroadfahren auf Schotter (Gravel) optimierte Geometrie, eine noch größere maximale Reifenbreite bis 42 mm (bei den Carbonrahmen) und eine etwas bergtauglicher ausgelegte Übersetzung mit der Möglichkeit eines 1x11 oder 2x11-Antriebs. Es ist ein Bike, das insgesamt robuster ausgelegt ist als das Roubaix, welches primär ein Straßenrennrad ist.

 

Eignet sich das Roubaix zum Bikepacking?

 

Aus unserer Sicht eignet sich das Roubaix auf jeden Fall fürs Bikepacking. Bikepacking ist grundsätzlich mit fast jedem Rad möglich, die Ausstattung muss nur zur Art der geplanten Tour passen. Ein paar Details sind uns aufgefallen, die man sich überlegen sollte.

Je nach Rahmengröße ist beim Roubaix die Position des Flaschenhalters am Sitzrohr unterschiedlich hoch, so dass man während der Fahrt die Trinkflasche bequem erreichen kann. Fürs Bikepacking war uns die Position bei Rahmengröße 58 cm deutlich zu hoch angebracht. Dadurch wird der Platz im Rahmendreieck über den Trinkflaschen für eine Halbrahmentasche zu klein. Wir würden den hinteren Flaschenhalter daher tiefer anbringen. Wie das funktioniert, obwohl die Ösen dafür an der falschen Stelle sind, haben wir in unserem Artikel Flaschenhalter fürs Bikepacking beschrieben.

Da der Rahmen aus Carbon ist, würden zu dessen Schutz eine Rahmenschutzfolie aufbringen, bevor wir eine Rahmentasche fixieren würden.

Der nächste Punkt ist die Form der Pavé Sattelstütze. Da sie nicht rund ist, lassen sich die Specialized hauseigenen Burra Burra-Satteltaschen selbst nicht verwenden. Zur seitlichen Stabilisierung haben diese einen Metallbügel mit einer Klemmung an der Sattelstütze, die nur auf runde Sattelstützen - und solche die nicht aus Carbon sind - passen. Oder man lässt den Bügel einfach ganz weg, verzichtet dann aber auf die  Stabilisierung gegen seitliches Hin- und Herschwingen der Tasche. Deshalb haben wir ein Modell von Revelate Designs verwendet. 

Als letzten Punkt sollte man sich die besondere Lenkerform ansehen und ausprobieren, wie sich daran eine Lenkertasche/rolle befestigen lässt.

Pro und Contra Roubaix

Vorteile

  • toller, steifer Rahmen mit schöner Endurance-Geometrie und einer sportlich-komfortablen Sitzposition
  • für ein Rennrad fährt es sich unglaublich komfortabel
  • gelungene, hochwertige Ausstattung
  • große Reifenbreiten bis 33 mm möglich
  • agiles, direktes Lenkverhalten
  • trotz Scheibenbremsen und Lenkkopffederung geringes Gewicht
  • das Future-Shock 1.5 System ist optisch besser integriert als beim Vorgängermodell
  • stark flexende Pavé-Sattelstütze bietet hohen Komfort am Heck

Nachteile

  • Einstellung der Griffweite der Shimano-Bremsschalthebel für Personen mit kleineren Händen unzureichend (die genaue Ursache ist unklar)
  • Freilaufgeräusch der DT-Nabe am Hinterrad arg laut für unseren Geschmack
  • Die eigenwillige Lenkerform des Hover mit 15 mm Rise in der Mitte bei der Klemmung am Vorbau erschwert die Montage von z.B. einem Frontlicht oder einer Gepäckrolle fürs Bikepacking am Lenker, gerade wenn man zugleich auf dem Vorbau ein Smartphone oder GPS-Gerät befestigt hat.

Unser Fazit

Das Roubaix Comp ist aus unserer Sicht ein gelungenes Endurance-Rennrad mit einem sehr großen Komfort an der Front und am Heck sowie einem tollen, steifen Rahmen. Es fährt sich spritzig, bergauf und bergab und vermittelt ein sicheres Fahrgefühl. Die Übersetzung reicht - zumindest mit leichtem Gepäck - auch für steilere Berge. Das Rennrad hat eine insgesamt gelungene, hochwertige Ausstattung. Einzig die unzureichende Griffweitenverstellung an den Bremsschalthebeln müssen wir kritisieren. Die genaue Ursache ist uns unklar. Der Lenker Hover greift sich von der Form zwar sehr angenehm, man wechselt auch gerne in die Unterlenkerposition, da der Drop mit 123 mm moderat ausfällt, nur die Klemmung am Vorbau überzeugt uns nicht wirklich. Ein gerader Lenker ohne die 15 mm Rise wie beim Hover und dafür mit einem steileren Vorbau hätte aus unserer Sicht mehr Vorteile als diese Variante. Insgesamt ist das Roubaix ein klasse Rennrad, auch für schlechtere Straßen. Dank unterschiedlicher Ausstattungsvarianten ist es auch preiswerter zu haben als in der von uns getesteten Comp-Variante mit einem UVP von 3799 € . Wenn Geld keine Rolle spielt, dann gibt's noch die sehr viel teureren S-Works-Varianten.

Fragen, Wünsche, Anregungen?

Schreibt uns eine E-Mail an: team@berghuhn.de