Gepäckträger für`s Bikepacking - die unmögliche Lösung

Bikepacking mit Gepäckträger, ist das nicht ein Widerspruch? Schließlich will man doch so leicht wie möglich und ohne klassische Radtaschen unterwegs sein, wozu also einen Gepäckträger montieren mag sich mancher fragen. Die Frage, ob man einen Gepäckträger benötigt oder nicht, wollen wir hier nicht diskutieren. Wir zeigen Euch in diesem Artikel wie es geht, für alle die vielleicht doch etwas mehr Gepäck transportieren wollen als in eine typische große Bikepacking-Satteltasche von etwa 14-16 Liter passt. Wer sich nicht für unsere Odyssee bis zur Lösung interessiert, der liest gleich unten weiter. Los geht's!


Die lange Vorgeschichte bis zum Gepäckträger

Die Aufgabe, einen Gepäckträger an ein Rad zu schrauben mag anfangs banal klingen. Viele Fahrräder haben schließlich einen Gepäckträger, doch der Teufel liegt wie so oft im Detail. Konkret bestand unser Problem darin, an ein 29er MTB mit Steckachsen und ohne Ösen für einen Gepäckträger trotzdem einen Gepäckträger zu befestigen. Das hat uns anfangs einiges Kopfzerbrechen bereitet. 

Hier könnte man nun fragen: warum in aller Welt habt ihr euch nicht gleich ein Rad mit den entsprechenden Ösen gekauft?

Wir wollten ganz einfach ein leichtes und hochwertiges MTB, das wir auch ganz klassisch ohne Gepäck fahren. Zudem soll es aber auch zum Bikepacking taugen.

Aktuell gibt es jedoch fast nur noch an Einsteiger-MTBs Ösen am Rahmen und somit die Möglichkeit einen Gepäckträger zu befestigen. Den klassischen Schnellspanner gibt's mittlerweile ebenfalls nur noch an den Einsteiger-MTBs, üblich sind Steckachsen.

Für Fahrräder mit normalen Schnellspannern gibt es schon länger eine Lösung mit einem Austausch-Schnellspanner. Inzwischen gibt es diese Möglichkeit theoretisch auch für die aktuell üblichen Steckachsen mit einer speziellen Austauschsteckachse, nur waren die nicht lieferbar. Statt eine konkrete Antwort von dem betreffenden Hersteller aus den USA zu erhalten, welche Steckachse wir benötigen würden, wurden wir an den Rahmenbauer, hier Specialized, verwiesen. Und die wiederum schickten uns weiter an den deutschen Hersteller Tubus, dessen Gepäckträgermodell "Vega"wir verbauen wollten. Doch auch Tubus reagierte sehr verhalten auf unsere Anfrage nach einer Lösung und wir wurden wieder an den US-Hersteller Robert Axle Project vom Beginn unserer Recherche verwiesen. Auch unser Radhändler des Vertrauens war ratlos. Nach Wochen der Recherche standen wir also ernüchtert wieder am Anfang. 

 

Eine Standardlösung für Räder ohne Gepäckträgerösen gibt es in Deutschland zu kaufen, sie stammt von Thule, eine Firma die vielen durch die Fahrradträger für PKWs bekannt sein dürfte. Dieser Gepäckträger wird nur mit Bändern an den Sitzstreben befestigt, d.h. geklemmt. Auf manchen Internetseiten wird hier bemängelt, dass diese Befestigung bei mehr Gepäck nach unten rutscht. Das klang für uns wenig überzeugend und optisch fanden wir es auch nicht ansprechend.

Die zweite, sehr gute Lösung kommt aus den USA von Old Man Mountain, nur wäre sie sehr teuer gewesen, da beim Import noch Zoll fällig ist und lieferbar war auch sie aktuell nicht. 

Unsere letzte Idee, sich eine spezielle Steckachse anfertigen zu lassen scheiterte ebenfalls aus uns unbekannten Gründen. Die Geschichte erinnerte langsam an den Film "und täglich grüßt das Murmeltier", nur zum Lachen war uns nicht zumute. Wir benötigten die Teile für unsere geplante Sommertour durch die Seealpen und langsam wurde die Zeit knapp.


Unsere eigene Lösung

Wir gaben nicht auf und kamen endlich auf eine eigene, simple Lösung, die ohne Werkstatt und Spezialteile ausführbar war.

 

Für alle Nachahmer sei vorab gesagt, dass unsere Lösung offiziell nicht existiert, wer sie also nachbaut tut dies auf eigenes Risiko und verliert jede Herstellergarantie!

 

Die Lösung erscheint banal und ist optisch sehr unauffällig, genau das war unser ursprüngliches Ziel. Wir verwenden dazu 3 Standardteile und kombinieren sie für unseren Bedarf:

  1. Gepäckträger: Tubus "Vega"für 29 Zoll-Räder
  2. die normale Fußverlängerung von Tubus, passend zum Gepäckträger
  3. und schließlich eine spezielle Sattelklemme von Salsa (Post Lock), passend zu unserem Sattelstützendurchmesser.

 

Wie es funktioniert erklären wir gleich Schritt für Schritt. Zuerst gibt´s das Ergebnis.

Das Ergebnis

Fertig montierter Gepäckträger, Tubus Vega mit Fußverlängerung und Salsa Post Lock Sattelklemme
Fertig montierter Gepäckträger, Tubus Vega mit Fußverlängerung und Salsa Post Lock Sattelklemme

Der fertig montierte Gepäckträger Tubus Vega ist an zwei Punkten mit dem Rad verbunden.

Oben ist er an der Sattelstütze mit den zwei Streben an der speziellen Sattelklemme "Post Lock" von Salsa befestigt. Diese Sattelklemme gibt es passend für verschiedene Sattelstützendurchmesser. Man schiebt sie einfach auf die vorhandene Sattelstütze auf (Vorsicht, das funktioniert nicht bei Carbon!) und schraubt sie fest. Seitlich hat die Sattelklemme zwei Ösen, an denen man die Streben des Gepäckträgers sicher festschrauben kann.

Theoretisch gäbe es die noch elegantere Lösung "Rack Lock" von Salsa, bei der die Sattelklemme die Original-Sattelklemme des Radherstellers ersetzt und zugleich lässt sich daran der Gepäckträger anschrauben. Leider hat der Sitzrohrdurchmesser unseres Fahrradrahmens nicht gepasst. Wir haben somit zwei Klemmen an der Sattelstange. Eine zur Befestigung der Sattelstütze selbst und die von Salsa zur Befestigung der Gepäckträgerstreben.

Unten ist der Gepäckträger mit der sogenannten Fußverlängerung und dem passenden Schnellspanner - beides von Tubus - über die Steckachse befestigt.


Und so geht's:

1. Schritt

Man schraubt die Tubus-Fußverlängerung an den Tubus-Gepäckträger.

Das war hier aufgrund der Rahmengeometrie nötig. Eventuell kann man bei einem anderen Rad den Gepäckträger auch ohne die Fußverlängerung montieren, einfach ausprobieren. Danach werden die Befestigungsblöcke für die Alustreben des Gepäckträgers an den Tubus-Gepäckträger montiert. Wir mussten sie entgegen der Anleitung oben anbringen, da sonst die Reifenfreiheit nicht ausgereicht hätte (siehe Fotos unten).

2. Schritt

Die Sattelstütze aus dem Rahmen ziehen und die Salsa Post Lock Sattelklemme auf die Sattelstütze aufschieben und anziehen.

3. Schritt

Die Original-Steckachse verbleibt im Rahmen und wird mit einem Metallbohrer vorsichtig aufgebohrt (hier 5 mm), damit man den Tubus-Schnellspanner durch die hohle Steckachse hindurchstecken kann.

 

Zur Erklärung: Die vorhandene Steckachse hat auf einer Seite einen Innensechskant, damit man sie mit einem Inbusschlüssel festziehen kann. In der Mitte war bereits ein kleines Loch von ca. 4 mm vorhanden. Dieses Loch war jedoch zu klein, um den 5 mm Tubus-Schnellspanner hindurchfädeln zu können. Daher mussten wir das Loch aufbohren. Ansonsten ist die Steckachse innen hohl, der Innendurchmesser ist auf der Antriebsseite mit den Ritzeln deutlich größer als 5 mm (siehe Fotos unten). Der Innensechskant ist auch mit aufgebohrter Steckachse vorhanden. 

4. Schritt

Jetzt wird der Gepäckträger mit dem Tubus-Schnellspanner auf der Originalsteckachse montiert und an der Sattelstütze an der Salsa-Sattelklemme angeschraubt, geschafft!

Der entscheidende Schritt besteht darin, durch die Steckachse den Tubus-Schnellspanner zu stecken, um damit den Tubus-Gepäckträger zu befestigen. Wenn man den Tubus-Schnellspannhebel zuzieht, klemmt man somit den Gepäckträger sicher auf die Steckachse.

Allerdings sitzt der Gepäckträger nicht 100% gerade, da die Steckachse auf der Ritzelseite einen größeren Innendurchmesser hat als auf der aufgebohrten Seite. Wer will, der bastelt sich hier noch eine passende Distanzhülse. Wir sind mit der Lösung auch so glücklich. Bislang funktioniert diese "unmögliche" Lösung bei uns prima.

Einziger Nachteil: Wenn man den Reifen oder Schlauch tauschen will, muss zuerst der Gepäckträger demontiert werden, um an die Steckachse zu gelangen.

Da es viele verschiedene Varianten von Steckachsen gibt, auch welche mit einem Schnellspannhebel anstelle des Innensechskants wie bei uns, funktioniert diese Lösung nicht immer. In so einem Fall könnte man eventuell die Steckachse gegen eine mit Innensechskant tauschen, um sie dann wieder wie oben beschrieben aufzubohren.

Zum Schluss haben wir noch ein Batterierücklicht von Busch und Müller, Modell Toplight angebracht. Dieses hat perfekt zum Gepäckträger passende  Schrauben zur Befestigung und ist sehr gut sichtbar. Ein echtes Sicherheitsplus, wenn man auf einer Tour z.B. ungeplant vor einem unbeleuchteten Straßentunnel landet und schnell Licht benötigt.

 

Nochmal zur Erinnerung, dies ist keine offizielle Lösung, ein Nachbau geschieht auf eigene Gefahr, wir übernehmen keine Haftung!

Fotoshow der 4 Schritte

Update nach 3-wöchigem Härtetest durch die Seealpen

Mit einem Wort: Perfekt!

Nach drei zum Teil harten Wochen für Mensch und Material auf manchmal sehr holprigen Wegen können wir beruhigt sagen, unsere Lösung funktioniert. Wir hatten keinerlei Probleme, mehr kann man sich nicht wünschen. Schöne Fotos der Tour gibt's auf Instagram und die Story findet Ihr hier.

Fragen, Wünsche, Anregungen?

Wir freuen uns wie immer über Eure Fragen, per Mail an:

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