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Teil 1: Wieso ist der Berg so steil?

Mit der richtigen Übersetzung erklimmst Du (fast) jeden Berg - und das ohne Doping.

Was der Begriff Übersetzung bedeutet und worauf dabei zu achten ist erklären wir Dir in diesem Artikel.

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Wer schon mal eine längere Steigung bergauf geradelt ist, weiß wie anstrengend so etwas sein kann. Doch wieso radeln so viele Hobbysportler freiwillig selbst die größten und steilsten Alpenpässe hinauf? Manche, so wie wir, tun dies gar mit reichlich Gepäck während einer mehrwöchigen Radtour - und es macht uns auch noch Spass! Wie geht das?

 

Natürlich ist für so eine Tour in den Bergen zuerst eine gute Grundkondition erforderlich, doch auch die richtige Übersetzung spielt eine entscheidende Rolle. Die Grundlagen und ein tolles Hilfsmittel zur Ermittlung der für Dich passenden Übersetzung stellen wir Dir in diesem Artikel vor.

Was bedeutet eigentlich "Übersetzung"?

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Einfach erklärt: Die Übersetzung bei einem Fahrrad meint, welche Wegstrecke legt das Fahrrad zurück, wenn man mit der Kurbel eine ganze Umdrehung macht.

Befindet sich die Kette vorne auf dem großen Kettenblatt (d.h. viele Zähne, z.B. 42) und hinten auf dem kleinsten Ritzel (d.h. wenige Zähne, z.B. 11), so bewegt sich das Rad bei einer Kurbelumdrehung eine weite Strecke nach vorne (man spricht von einem großen Gang). Ist die Kette umgekehrt vorne auf dem kleinsten Kettenblatt (z.B. 24 Zähne) und hinten auf dem größten Ritzel (z.B. 34 Zähne), dann bewegt sich das Rad eine wesentlich kürzere Strecke nach vorne (man spricht von einem kleinen Gang, oder Berggang). Hätten Kettenblatt und Ritzel genau die gleiche Zähnezahl, so legt das Rad bei einer Kurbelumdrehung exakt den Umfang des Reifens als Wegstrecke zurück.

 

Zu kompliziert? Zur Veranschaulichung ein Rechenbeispiel für das oben abgebildete Rad. Es hat vorne eine Dreifachkurbel (3 Kettenblätter) mit der Abstufung 42/32/24 Zähne und hinten eine Kassette mit 10 Ritzen mit der Abstufung 11 - 34 Zähne. Die Reifen haben 26 Zoll Durchmesser und sind 2,25 Zoll breit. Mit diesen Angaben kann man sich jetzt für jede beliebige Kombination von Übersetzung die Wegstrecke ausrechnen (sog. Entfaltung), die das Rad bei einer Kurbelumdrehung zurücklegt. Zuerst berechnet man aus den Angaben den Radumfang oder man misst ihn ganz einfach mit einem Maßband, indem man den Reifen einmal am Boden abrollt und Anfang und Ende mit einem Strich markiert. Im Beispiel ergibt das einen Radumfang von ca. 2120 mm.

 

O.K., ich habe es mir mühsam von Hand für einige Übersetzungen ausgerechnet um ein Gefühl zu bekommen. Noch umständlicher wird es, wenn man die Übersetzung von zwei Rädern vergleichen möchte. Hier gibt es ein klasse online-Hilfsmittel, das wir Euch gleich vorstellen werden, doch etwas Theorie zum Verständnis ist noch nötig, daher Geduld und weiterlesen!

Wie finde ich die richtige (Berg-)Übersetzung für mich?

Die Antwort auf diese Frage hängt von mehreren Faktoren ab, daher muss man die Frage präzisieren. Man sollte sich zuerst fragen, welche Art von Tour man plant. Soll es eine schnelle Tour ohne Gepäck mit dem Rennrad in eher flachem Terrain sein, oder geht es über lange Alpenpässe mit viel Gepäck? 

 

Variante 1 - Rennrad ohne Gepäck, flaches Terrain

Hier will man vor allem schnell fahren, eine bergtaugliche Übersetzung spielt keine Rolle. Im Prinzip kann man jedes Rennrad mit der Standardübersetzung verwenden. Das bedeutet vorne i.d.R. zwei Kettenblätter mit 53/39 Zähnen oder eine Kompaktkurbel mit 50/34 Zähnen. Auf dem Hinterrad reicht in beiden Fällen eine Kassette ("Zahnkranz") mit einer Abstufung von z.B. 11 - 27 Zähnen.

 

Variante 2 - Tourenrad mit viel Gepäck und längeren Bergen

Hier zählt weniger die maximal mögliche Entfaltung (Erklärung siehe weiter oben) als vielmehr eine möglichst kleine Übersetzung, d.h. ein guter Berggang. Für das eingangs beschriebene MTB wäre der kleinste Gang die Übersetzung mit 24 Zähnen auf dem kleinsten Kettenblatt vorne und 34 Zähnen auf dem größten Ritzel hinten. Das entspricht einer deutlichen Übersetzung ins Langsame, weil man mit einer Kurbelumdrehung vorne weniger als eine Reifenumdrehung zurücklegt. In Zahlen heißt das hier:  nur 1,50 m (zur Erinnerung: der Radumfang ist 2,12 m). Je geringer  diese Entfaltung ist, desto leichter kann man bergauf treten, allerdings wird man auch immer langsamer. Aus unserer persönlichen Erfahrung ist auf Asphalt eine Minimalgeschwindigkeit von 5,5 - 6 km/h erforderlich, um das Gleichgewicht auf dem Rad halten zu können, insbesondere mit Gepäck. Ein allzu extremer Berggang macht daher auch keinen Sinn.

Zum Vergleich: Will man mit Höchstgeschwindigkeit die Passstraße hinunterjagen, so benötigt man einen möglichst großen Gang (große Entfaltung) um bei hohen Geschwindigkeiten noch mittreten zu können. Hier bei dem Radl wäre das eine Übersetzung von 42 Zähnen auf dem größten Kettenblatt vorne und 11 Zähnen auf dem kleinsten Ritzel hinten. Das heißt eine Übersetzung ins Schnelle. In Zahlen heißt das hier: 8.09 m/Kurbelumdrehung.

 

Die entscheidende Frage lautet jetzt, ist dieser Berggang für mich klein genug?

Ob der Berggang für mich klein genug ist, so dass ich mit einer für mich angenehmen (bzw. noch erträglichen) Anstrengung bergauf radeln kann, ist individuell unterschiedlich. Neben der eigenen Fitness hängt dies auch noch vom Reifenumfang ab. Logischerweise hat ein großes Laufrad mit großen Reifen, z.B. 29-Zoll Laufräder mit 3,0 Zoll breiten Reifen (Stichwort 29-Plus-Format) einen deutlich größeren Umfang als das Eingangs beschriebene 26-Zoll Laufrad. Will ich bei beiden Rädern mit der gleichen Übersetzung fahren, so muss ich die Zähnezahlen beim Kettenblatt vorne oder dem Ritzel hinten entsprechend anpassen. In diesem Beispiel könnte man daher hinten eine größere Kassette (z.B. mit der Abstufung 11-42 Zähnen) montieren oder vorne ein kleines Kettenblatt mit weniger Zähnen montieren. Welche genaue Übersetzung das ergibt, lässt sich wieder berechnen (siehe oben.)

 

O.K., bevor wir jetzt viele Varianten durchrechnen, kommen wir zum eingangs erwähnten genialen Hilfsmittel, dem sogenannten Ritzelrechner.

Der Ritzelrechner

Der Ritzelrechner ist ein klasse Werkzeug, um die Übersetzung an einem Rad exakt zu berechnen. Daneben bietet er aber noch weitere tolle Funktionen, insbesondere lässt sich die Trittfrequenz in die Überlegungen zur richtigen Übersetzung mit einbeziehen und man kann dabei sogar zwei Räder mit unterschiedlichen Übersetzungen und sogar unterschiedlichen Laufradgrößen direkt miteinander vergleichen. 

 

Hier ist der Link: http://ritzelrechner.de 

 

Um bei so vielen Funktionen nicht den Überblick zu verlieren, wollen wir Dir ein paar Tipps zur Anwendung geben.

  • Bei den Einstellungen solltest Du unter Anzeige auf "Geschwindigkeit" umschalten.
  • Anschließend die Trittfrequenz mit dem Regler auf ca. 70 Umdrehungen/Min. reduzieren, was einer langsameren Trittfrequenz entspricht. Ergonomisch sinnvoll ist üblicherweise eine Trittfrequenz, die zwischen 70 - 100 liegt. Deutlich langsamer belastet die Knie extrem, da man mit zu viel Kraft tritt. Allerdings ist die Trittfrequenz individuell recht unterschiedlich. 

Um jetzt ein Gespür für die individuell passende Übersetzung zu entwickeln, benötigt man etwas Zeit und Muße zum Ausprobieren. Wir haben dafür die folgenden Schritte unternommen:

  • Man suche sich eine gleichmäßige, deutliche Steigung auf einer Asphaltstraße und sollte ein Fahrrad mit Tacho verwenden. 
  • Fahre die Straße mehrmals im Sattel sitzend im kleinsten Gang flüssig tretend bergauf, mit einer Trittfrequenz, die Dir angenehm erscheint und merke Dir die Geschwindigkeit mit der Du fährst. Ist der Widerstand beim Treten für Dich zu gering, einfach in einen schwereren Gang schalten.
  • Notiere Dir die gefahrene Übersetzung, indem Du die Zähnezahl von Kettenblatt und Ritzel zählst.
  • Jetzt kannst Du die individuell ermittelten Werte in den Ritzelrechner eingeben, also Reifenformat und Übersetzung.
  • Mit etwas Ausprobieren findest Du anhand der gefahrenen Geschwindigkeit auch heraus, was für Dich eine angenehme minimale Trittfrequenz ist.
  • Jetzt heißt es vergleichen und verschiedene Übersetzungsvarianten durchspielen.  

1-fach, 2-fach oder gar 3-fach-Kurbel?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, da sie zu sehr vom Einsatzbereich abhängt. Wer es genau wissen will, der gibt einfach mal die unterschiedlichen Varianten im Ritzelrechner ein und vergleicht.

 

Überschlägig kann man aber sagen, dass i.d.R. die Bandbreite oder auch Spreizung der Gänge zwischen leichtem Berggang und schnellen Gängen bei 2- und 3-fach Antrieben am größten ist, so dass man immer einen passenden Gang finden sollte, allerdings ist das Gewicht etwas höher als bei 1-fach Antrieben. Mit der 1x12-Eagle-Schaltung von SRAM ist dieser Nachteil der geringeren Bandbreite an Gängen von 1x11-Antrieben auch kein Thema mehr, der Preis für die meisten Normalbürger hingegen schon. 

Heute gibt es zumindest an MTBs fast nur noch 1- oder 2-fach Antriebe, manche verwenden sogar ein gekapseltes Getriebe (Rohloff, Pinion). Die perfekte, einzige Lösung existiert daher nicht, doch zumindest sollte jeder Leser einen guten Einblick in die Thematik gewonnen haben, um abschätzen zu können, was ihm am besten passen sollte.

Fazit und Ausblick

Die Arbeit mit dem Ritzelrechner finden wir sehr spannend, da wir so relativ leicht abschätzen können, ob die an einem anderen Fahrrad montierte Übersetzung für uns passend ist. Als Ausgangspunkt haben wir jeweils ein eigenes Rad genommen, bei dem uns die (Berg-) Übersetzung sehr gut passt.

Ob man eine längere Steigung mit einer als subjektiv erträglich empfundenen Anstrengung erklimmt, oder ob man völlig erschöpft den Gipfel erreicht, hängt außer von der richtigen Übersetzung noch von weiteren Faktoren ab. Diese stellen wir Dir demnächst in einem eigenen Artikel vor und geben Dir praktische Tipps zur Abhilfe. Also schau wieder bei uns vorbei!

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