Brenner Grenzkammstraße

Bikepacking in den Alpen

Zum Ende des Sommers nutzte Clemens ein knappes Zeitfenster mit guter Witterung für eine Bikepacking-Tour der Extraklasse. Startpunkt  der Tour war Lenggries, der Endpunkt München und  dazwischen lagen rund 340 km, 4050 Höhenmeter und jede Menge schöne Erlebnisse in den Bergen. Was er in nur vier Tagen erlebt hat, das lest und seht Ihr hier im Video!

 

Manchmal liegen schöne Erlebnisse und Touren schon fast vor der Haustür. Es muss nicht immer ein fernes Reiseziel sein, um dem Alltag zu entfliehen und abzuschalten. Der Sommer ging langsam zu Ende und ich hatte ein paar Tage Zeit für eine kurze Bikepacking-Tour. Auch der Wetterbericht versprach bestes Spätsommerwetter. So fiel die Entscheidung schnell auf eine Tour, die ich schon länger ausprobieren wollte, die Brennergrenzkammstraße. Dabei handelt es sich um eine ehemalige Militärstraße aus dem ersten Weltkrieg an der Grenze zwischen Tirol und Südtirol. Da sie zum Teil auf über 2000 m verläuft, muss das Wetter natürlich passen, vor allem wenn man oben übernachten will.


Start in Lenggries

Eine lange Anreise wollte ich vermeiden um die kurze Zeit möglichst komplett im Sattel zu verbringen. Los ging’s nach einer kurzen Zugfahrt am Bahnhof in Lenggries entlang des wunderschönen Isarradwegs Richtung Süden und zum Sylvensteinstausee. Hätte man die nahe Bundesstraße nicht immer wieder mal gesehen oder gehört, so erinnert dieses Landschaftsschutzgebiet fast an Bilder aus Kanada. Ein Gebirgsfluss schlängelt sich durch eine Berglandschaft, während man auf Schotter flott durch lichte Fichten-, Kiefern- und Laubwälder radelt. O.k., die Idylle war spätestens kurz vor dem Sylvensteinstausee vorbei, denn der Radweg war auf den letzten Kilometern wegen Bauarbeiten gesperrt und kurzerhand auf die Bundesstraße verlegt worden. Statt Vogelgezwitscher und rauschenden Wasser gab es rauschenden Verkehr. 

Kurz nach der Staumauer des Sylvensteinsees konnte ich zum Glück wieder auf den Radweg abbiegen, der jetzt meist asphaltiert über die Grenze nach Österreich führt. Von dort ging’s zum Teil auf Schotter und steil bergauf und bergab weiter zum fjordartigen Achensee. Blauer Himmel, ein paar harmlose Wolken und das klare, blau-grüne Wasser des Bergsees, eingerahmt von hohen Bergen. Die Szenerie wirkte schon fast so kitschig wie auf der guten alten Postkarte von früher. Mir wars nur Recht und ich genoss die Aussicht und einen Sprung ins kalte Wasser. Weiter ging’s auf einem gut ausgebauten und asphaltierten Rad- und Fußweg entlang des Ufers Richtung Süden. Spätestens hier fallen einige neue, luxuriöse und ziemlich große Hotelanlagen auf. Schade, mit etwas weniger Touristenrummel hätte ich die wunderschöne Landschaft noch mehr genossen.

Vom Ende des Achensees bei Maurach führt eine kleine, sehr steile Asphaltstraße rund 400 Höhenmeter hinunter ins Inntal, doch sie war wegen Bauarbeiten offiziell gesperrt. Aber mit dem Rad könnte es doch klappen? Die stark befahrene Bundesstraße wollte ich jedenfalls nicht nehmen. Ich riskierte es und rauschte die ersten Kilometer bergab, bis die Straße tatsächlich gesperrt war, da sie auf einem Teilstück gerade neu angelegt wurde. Doch ich konnte über den Schleichweg für Anwohner ausweichen und rollte hinab nach Jenbach. Noch schnell am Brunnen die Radflaschen gefüllt, bevor es auf die letzten Kilometer des ersten Tages auf dem Inntalradweg weitergehen würde. Dieser ist zwar angenehm flach, gut beschildert und auch asphaltiert, jedoch verläuft er manchmal direkt neben der Autobahn. Zumindest kam ich zügig voran.

Kurz vor Hall in Tirol steuerte ich einen Zeltplatz an und genoß die schöne Abendstimmung und leckere Knödel mit Rahmschwammerl im Restaurant nebenan, während die Sonne hinter den felsigen Gipfeln des Karwendel langsam unterging.


Morgenstimmung im Inntal

Der nächste Morgen dämmerte langsam herauf, der Himmel war wolkenlos und während ich mein Frühstück vor dem Zelt aß wurde das wunderschöne Bergpanorama von den ersten Sonnenstrahlen mit jeder Minute besser beleuchtet. Besser kann ein Tag kaum anfangen und so startete ich zeitig, um mein Tagesziel zu erreichen, die Brenner Grenzkammstraße. Um dem gröbsten Verkehr der Bundesstraße Richtung Brenner auszuweichen, nahm ich vor Innsbruck die sogenannte Römerstraße, die bei Matrei wieder auf die Hauptstraße trifft. Kaum beginnt der Anstieg aus dem Inntal bei Hall i.T., so werden die Ausblick auf die umgebenden Berge immer besser. Nur der dichte Verkehr war zu Beginn sehr nervend. 

Hinter Patsch kam dann eine Überraschung. Die Straße war offiziell gesperrt, nur Anwohner und Radfahrer durften wegen Bauarbeiten weiterfahren. Endlich war der Verkehr gering und die Auffahrt durch das langgestreckte Tal zum Brenner wurde zum Genuss.

Nach ein paar Kaffeestops erreichte ich gegen Mittag den Ort Gries am Brenner. Hier begann der für mich unbekannte Teil der Strecke. Zunächst noch auf Asphalt ging es kurz darauf auf Schotter steil bergauf zur Sattelbergalm weiter. Die Alm liegt wunderschön, erinnerte mich aber fast schon an ein Berghotel. Jedenfalls standen auf den umgebenden Wiesen zahlreiche weitere Häuser und Hütten und auf großen Tafeln wurde auf die Übernachtungsmöglichkeiten hingewiesen. In den Fahrradständern (!) vor der großen Sonnenterrasse standen jede Menge Pedelecs und als zwei Jeep-Taxis vor der Hütte eine weitere Gruppe Rentner ausspuckte wurde mir der Trubel zu viel. Ich nutzte zügig die letzte Möglichkeit zur Einkehr und um meine Wasservorräte zu füllen. Denn ab jetzt würde es nur noch steil bergauf bis zur Grenzkammstraße gehen, vermutlich ohne weitere Quellen.

Nur wenige Meter von der Hütte herrschte zum Glück wieder Ruhe. Dafür empfing mich auf dem gut ausgebauten Forstweg direkt beim Grenzübergang nach Italien ein Durchfahrts-Verbotsschild für Fahrräder! Bereits vor Jahren las ich von einem übel gelaunten Bauern, der es Mountainbikern verbot, diesen Abschnitt zu befahren. Mit der Mistgabel in der Hand hinderte er sie an der Weiterfahrt! Die einzige Alternative wäre ein steiler Wanderweg bergauf kurz vor seinem Grundstück gewesen, mit meinem beladenen Bike die reinste Schinderei. Zum Glück kam mir ein anderer Mountainbiker entgegen und gab Entwarnung, die Strecke sei frei. Trotzdem hatte ich ein komisches Gefühl und war froh, als ich diesen kurzen Abschnitt hinter mir gelassen hatte, ohne gestoppt zu werden. 

Verbotsschild für Radfahrer
Verbotsschild für Radfahrer

Mittlerweile war es später Nachmittag geworden und der anspruchsvollste Abschnitt hinauf zur Grenzkammstraße lag noch vor mir. Als sich ein paar größere Quellwolken bildeten, dachte ich nur, hoffentlich gibt es kein Gewitter, denn Schutz gab es hier oben keinen. Beim nächsten Abzweig wurde aus der gut fahrbaren Schotterstraße eine zum Teil grobe und steile Piste. Also hieß es die verbleibenden gut 300 Höhenmeter überwiegend schieben. Doch ich wurde durch eine großartige und durch die Wolken fast schon dramatisch wirkende Bergkulisse mehr als nur ein bisschen entschädigt. Der Lärchenwald trat zurück und schließlich hatte ich in der zunehmenden Abendstimmung mit den letzten Sonnenstrahlen die Kammstraße erreicht. Seit mindestens zwei Stunden hatte ich keine Menschenseele mehr getroffen, nur ein paar ferne Kuhglocken hallten herüber und ein die Gräser bewegender Wind waren noch zu hören. Was für ein Kontrastprogramm zum Vormittag auf den Straßen mit all dem Verkehr und dem Touristenrummel.

Ein Stück fuhr ich noch auf der Grenzkammstraße weiter, bis ich ein geeignetes flaches Teilstück am Wegesrand sah, um das Zelt aufzustellen. Doch so allein wie anfangs gedacht war ich nicht. Kaum stand mein Zelt und ich saß davor um den Ausblick zu genießen, reckte sich der erste Kopf aus einem Erdloch. Um mich herum waren zahlreiche Bauten von Murmeltieren, die mich argwöhnisch beäugten. Nach einer Weile  schienen sie sich an den Eindringling gewöhnt zu haben, jedenfalls begann eines von ihnen, nur wenige Meter von mir entfernt, sich ausgiebig der Fellpflege hinzugeben.  Es wurde langsam dunkler, mich fröstelte es und so schlüpfte ich zufrieden in meinen Schlafsack. Der Tag war lange und anstrengend genug gewesen.

Mitten in der Nacht frischte der Wind plötzlich auf und ein entferntes Donnergrollen hallte zu mir herüber. Hatte der Wetterbericht nicht trockenes Wetter angekündigt? Kaum gedacht und schon prasselte der Regen auf mein Zelt ein. Na wenigstens war mein Platz durch ein paar Felsen und einen höher liegenden Gipfel relativ gut geschützt vor Blitzschlag und Wind und so fühlte ich mich sicher. Nur laut war es durch den Regen trotzdem. Doch das Gewitter zog mit einem guten Abstand vorbei und später hörte auch der Regen wieder auf. 


Morgenstimmung auf der Grenzkammstraße

Als ich in der allerersten Morgendämmerung auf dem Zelt lugte, war alles ruhig. Der Himmel war bedeckt aber es regnete nicht und war fast windstill. Ich frühstückte und packte zügig zusammen, um weiterfahren zu können. Ab Mittag waren Schauer und Gewitter vorhergesagt, ohne Schutz auf über 2000 Meter Höhe wollte ich das nicht erleben. Die Murmeltiere pfiffen mir zum Abschied hinterher und auf der in Wellen entlang der Bergrücken verlaufenden ehemaligen Militärstraße kam ich gut voran. Dann zeigte sich auch die Morgensonne kurz und tauchte die Bergwelt in ein warmes Licht. In der Ferne kamen sogar majestätische Gipfel mit Gletschern zum Vorschein. Vorbei an friedlich grasenden Pferden und Schafen fuhr ich weiter, vorbei an zahlreichen Ruinen von Soldatenunterkünften. Nach einem letzten längeren Anstieg auf der Straße hatte ich dann nach fast 10 km den höchsten Punkt der Route erreicht. Ab hier würde es bis nach Gossensaß nur noch bergab gehen. 

Das Wasser des Baches war zum Glück nicht tief und so konnten wir die Räder hindurchschienen und auf der anderen Seite nach dem Weg suchen. Die unverhoffte Erfrischung durch das kalte Wasser tat richtig gut. Entlang eines größeren Flusses fuhren wir ein Stück weiter und sollten laut Karte in ein paar Kilometern auf eine Brücke treffen. Schon erlebten wir die nächste Überraschung. Der Feldweg - in dem Fall unsere Route entlang des Flusses - existierte nicht mehr. Offensichtlich hatte ihn ein Hochwasser im Frühjahr weggerissen. Stattdessen gab es eine holprige Piste über den nächsten größeren Hügel. Es half alles nichts, also ging es wieder steil bergauf schiebend weiter. Keuchend und schweißnass unter der sengenden Mittagssonne erreichten wir schließlich eine Anhöhe im Wald. Ähnlich steil wie wir gerade bergauf geschoben hatten, fuhren wir auf der anderen Seite wieder bergab und erreichten endlich die Brücke über den Fluss. 

Das Timing schien genau richtig zu sein, denn es setzte ein leichter Sprühregen ein und der Wind frischte auf. Auch die Zivilisation, obwohl rund 1000 hm tiefer gelegen, erschien wieder sehr nah. Das Rauschen der Brennerautobahn und Brennerbundesstraße hallte selbst bis hier herauf. So begab ich mich zügig auf die lange Abfahrt. Im Vergleich zum Anstieg des Vortages war die Trasse hier besser fahrbar, auf Teilstücken gab es noch den uralten Asphalt und so kam ich flott voran. Durch den Schotter, das Gewicht am Rad durch mein Gepäck und die zahllosen Serpentinen war trotzdem eine umsichtige Fahrweise angebracht. Wohlbehalten erreichte ich schließlich den kleinen Talort Gossensaß und kehrte in das einzige geöffnete Café ein. Zahlreiche Urlauber und auch Einheimische waren schon vor mir da, doch ganz egal, der Kaffee und die frischen Cornetto schmeckten klasse! Mittlerweile war es später Vormittag geworden und ein leichter Regenschauer zog durch. Der Blick Richtung zum tiefer gelegenen Sterzing sprach für die Regenmontour. Dicht und grau zogen die Wolken dort vorbei und der Wetterbericht versprach für Südtirol einen kühlen, mit Schauern durchsetzten Nachmittag. Selbst für den kommenden Tag sollte das Wetter unsicher bleiben mit Schauern und Gewittern ab Mittag. 

So traf ich meine Entscheidung für die restliche Tour. Anstelle am kommenden Tag eventuell im Regen, bei Kälte, dazu ohne Sicht und mit Schiebepassagen über den nächsten Pass zu fahren, fuhr ich direkt über den Brenner zurück nach Österreich bis ins Inntal. Dort schien nämlich die Sonne! Auf dem gut ausgebauten und asphaltierten Bahntrassenradweg erreichte ich im Nieselregen und kühlen Wind den Grenzort Brenner. Mittlerweile ist diese Strecke bei Radlern sehr beliebt, jedenfalls begegneten mir auf den wenigen Kilometern dutzende Reiseradler jeden Alters. Etwas deplatziert kam ich mir schon vor, mit meinem MTB und Bikepackingtaschen am Rad auf dem sanft ansteigenden und asphaltierten Radweg zwischen all den Pedelecs aus eigener Kraft bergauf zu treten. 

Die Hektik, der Verkehrslärm und das kühle Wetter am Brenner ließen mich dort nur solange stoppen wie es dauerte, um eine Windjacke für die Abfahrt überzustreifen. Flott ging’s ab jetzt auf der Bundesstraße bergab bis Steinach am Brenner. Mittlerweile war es wieder trocken und sogar sonnig geworden, der Wetterbericht hatte diesmal recht behalten. Zeit also für die zweite Kaffeepause des Tages mit ausgiebiger Brotzeit. Ab Matrei fuhr ich wieder, wie schon bei der Herfahrt, auf der Römerstraße und landete am Abend auf dem gleichen Zeltplatz im Inntal! Der dritte lange Tag war geschafft und ich stand glücklich unter der heißen Dusche. 


Nur noch 150 km bis München

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Der nächste Morgen begann wieder strahlend und mit so klarer Luft, wie sie typisch für den Herbst ist. Gefühlt war der Sommer jetzt endgültig zu Ende. Ich wollte abends wieder zurück in München sein und so entschied ich mich zu einer 150 km Marathonetappe. Ohne weitere Übernachtung und nur mit einem kurzen Badestopp fuhr ich die Strecke über den Achensee, Sylvensteinsee und ab dort komplett auf dem Isarradweg zurück. Dank MTB fuhr ich überwiegend auf Schotterpisten und kleinen Nebenstraßen durchs Grüne. Die nahe Zivilisation schien viel weiter entfernt zu sein, als sie es in Wirklichkeit war. So war der Abschluss meiner Tour wunderschön, sonnig und mit milden Temperaturen. Kurz vor Sonnenuntergang kam ich schließlich müde, staubig, aber sehr zufrieden an. Die Tour kam mir rückblickend durch die vielen Eindrücke jedenfalls deutlich länger vor als nur vier Tage!

Fragen, Wünsche, Anregungen?

Schreibt uns eine Mail an: team@berghuhn.de

 

Wer jetzt Lust auf mehr Touren und Videos zum Thema Bikepacking bekommen hat, wird hier in unserer Abenteuerliste fündig!

Update zur Route!

Ein herzlicher Dank geht an einen unserer Leser aus Tirol für seinen Vorschlag um die Route noch attraktiver zu machen:

 

"Wenn ihr über den Achensee ins Inntal radelt, dann gibt es eine nette Alternative zu den Bundesstraßen. Bei Eben am Achensee geht direkt links neben den Gleisen der Zahnradbahn die Rodelbahn nach Jenbach bzw nach Wiesing. Der Weg ist eine gut fahrbare Schotterstraße und auch als Via Bavarica Tyrolensis gekennzeichnet. Bei Fischl kann man entweder nach links zur Kasbachstraße wechseln oder weiter nach Wiesing zum Inntalradweg.

 

Auch zwischen Matrei/ Mühlbachl und Steinach a.B. gibt es einen Nebenweg, sodass man die Brennerbundesstraße nicht befahren muss."