Nice - München Rallye

3 Wochen Bikepacking durch die Alpen

Inspiriert von unserer Bikepacking-Tour durch die Abruzzen im Frühjahr waren wir heiß auf das nächste Abenteuer. Wir hatten im Sommer dreieinhalb Wochen Zeit und viele Ideen für eine spannende Tour. 

Wir flogen mit unseren MTBs von München aus nach Nizza um unsere Tour ganz entspannt direkt am Meer zu starten. Von dort sollte es möglichst komplett mit dem Rad bis nach München gehen, um umständliche Transfers zu vermeiden. Die geplante Strecke war konditionell anspruchsvoll und versprach etliche landschaftliche Glanzpunkte. Doch wie fast immer verlief die Tour anders als gedacht. Viel Spass bei unserem Reisebericht und Video!

Übersichtskarte, Tourenkarte

Gesamte Route mit dem Rad:  835 km, 14560 Höhenmeter

Das Video zur Tour

Vor der Ankunft am Flughafen in Nizza

Berghuhn, Fahrradkarton
Endlich - das Gepäck ist am Flughafen!
Berghuhn.de; Alpen, Flieger
Über den Alpen
Berghuhn.de, Flughafen, Nizza
Endlich startklar am Flughafen in Nizza

Wieso sind wir nicht einfach an ein Reiseziel geflogen und dann von dort wieder zurück? Fliegen scheint ab einer gewissen Entfernung die einzig sinnvolle Alternative zu sein. Meist ist Fliegen auch deutlich günstiger als die Bahn. Allerdings haben inzwischen fast alle Airlines ihre Gepäckbestimmungen, was den Radtransport anbelangt, verschärft. Räder müssen jetzt in einem Koffer oder Radkarton verpackt sein, was für uns eine umständliche Logistik bedeutet. Bisher hatten wir unsere Räder erst vor Ort am Flughafen verpackt und das Verpackungsmaterial dafür in einem Baumarkt besorgt und als große Rolle, auf das Rad geschnallt, mitgenommen. Das klappte recht problemlos, selbst in öffentlichen Verkehrsmitteln. So spielte es für uns auch keine Rolle, wenn wir uns für einen Gabelflug entschieden hatten.

Doch wie transportiert man einen riesigen Radkarton plus ein bepacktes Rad in der S-Bahn oder einem Regionalzug? Damit die Räder in den Karton passten, mussten wir das Vorderrad ausbauen, die Pedale demontieren, den Sattel einschieben und die Luft aus den Reifen lassen. Anschließend haben wir alle Teile im Karton mit Luftpolsterfolie gepolstert und mit Kartonresten gegen Verrutschen gesichert. Im Prinzip ist das nicht schwierig, doch es dauert eine ganze Weile. Am Ende steht man dann da, mit zwei sperrigen Radkartons und zwei großen Seesäcken, in denen die einzelnen Radtaschen stecken. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln konnten wir so jedenfalls nicht zum Flughafen gelangen.

Den ganzen Aufwand wollten wir uns für die Rückreise ersparen und planten die Route so, dass wir München wieder mit dem Rad oder Zug erreichen konnten. 

Um etwas Zeit zum Ankommen und Relaxen zu Beginn der Tour zu haben,  landeten wir schließlich bei einem Direktflug nach Nizza als unserem Startpunkt!


Teil 1: Start der Tour in Nizza

Die gut verpackten Räder waren am Flughafen von Nizza schnell ausgepackt und wieder zusammengebaut. Kurze Zeit später rollten wir auf einem Radweg eben entlang der Küste ins Zentrum von Nizza und zum Hotel. Zwei bequeme Nächte mit einem richtigem Bett und dem Bad im Meer wollten wir uns gönnen! Bewusst planten wir etwas Zeit zum Ankommen ein, bevor es in die Berge gehen würde. 

Nizza-München Rallye
Teil 1: Nizza - Via del Sale - Cuneo

Die Stadt war voller Touristen und selbst nachts war es noch laut, und so fiel uns der Abschied aus dem Trubel am zweiten Morgen nicht allzu schwer. Wir fuhren entlang der bekannten Uferpromenade zum Hafen und bogen von dort direkt ins Hinterland in die Berge ab. Mit jedem Kilometer wurde der Verkehr weniger, bis wir schließlich auf eine wunderschöne Bergstraße zum Col de Braus einbogen. Das Wetter war großartig, heiß und sonnig mit traumhaften Blicken zurück zum Meer und die Anstrengungen beim ersten Pass, immerhin auf 1002 m gelegen, boten uns einen Vorgeschmack auf die kommenden Etappen. Wie immer zu Beginn einer Tour mussten wir uns zuerst an die beladenen Räder gewöhnen. Diesmal waren wir beide mit unserem neuen Bikepacking-Setup unterwegs (siehe auch Video zur Test-Tour auf den Juifen), denn nach dem ersten Tag auf Asphalt warteten etliche Offroad-Kilometer auf uns. Müde aber glücklich erreichten wir am Abend unseren ersten Zeltplatz in der kleinen Stadt Sospel. 

Nach einer endlich ruhigen, kühlen und sternklaren Nacht, brachen wir am folgenden Morgen zeitig Richtung Col de Turini auf. Wir waren freudig aufgeregt, denn diese Etappe versprach einige Spannung mit etwa 1600 Höhenmetern und reichlich Schotterpassagen. Los ging`s bis zur Passhöhe auf 1600 m durch herrlich grüne Bergwälder, zunächst auf Asphalt mit wenig Verkehr. Dort angekommen folgten wir einer schmalen Bergstraße weiter bergauf bis auf über 2000 m Höhe. Wir rollten einige Kilometer entlang der Berghänge und hatten fantastische Ausblicke über die angrenzenden Berge bis an die Côte d`Azur. Doch es wurde noch besser! Die Asphaltdecke endete und was jetzt folgte war eine epische Abfahrt. Ohne Verkehr fuhren wir eine gefühlte Ewigkeit auf einer holprigen, schmalen und teils steilen Schotterstraße bergab ins Tal. Jetzt waren wir froh um unsere Federgabel und dem relativ leichtem Gepäck. Naja, zumindest verglichen mit einem klassischen Tourenrad waren sie leichter.

Sospel, Frankreich, Col de Turini, Côte d´Azur
Steinbrücke in Sospel
Berghuhn.de, Col de Turini, Côte d´Azur, Frankreich
Anstieg zum Col de Turini
Col de Turini, Côte d´Azur, Frankreich
Auffahrt zum Col de Turini
Col de Turini, Côte d´Azur, Frankreich, Nationalpark Mercantour
Übersichtskarte Nationalpark Mercantour
Col de Turini, Côte d´Azur, Frankreich, Nationalpark Mercantour, Cime de l`Authion
Aussicht von der Cime de l`Authion oberhalb des Col de Turini
Col de Turini, Côte d´Azur, Frankreich, Nationalpark Mercantour, Cime de l`Authion
unterhalb der Cime de l`Authion

Die Sonne stand schon tief, als wir im Tal bei Saorge wieder auf die Hauptstraße in Richtung Col de Tende und Italien stießen. Leider war der anvisierte Zeltplatz überfüllt und so war es schon fast dunkel, als wir endlich, nach inzwischen 75 km und mehr als 2000 Höhenmetern und vielen Stunden im Sattel bei Tende einen Zeltplatz fanden. 

Die Ligurische Grenzkammstraße

Wir waren fast froh, als am folgenden Morgen die umliegenden Berge in Wolken gehüllt waren und  uns der Wetterbericht zu einem Tag Pause riet. Die folgenden zwei Tage würden wir über die Via del Sale, auch Ligurische Grenzkammstraße genannt, fahren. Diese verläuft fast komplett auf Schotter und bewegt sich für gut 40 km beständig in Höhen um die 2000 m. Hier in schlechtes Wetter zu geraten ist nicht nur unangenehm sondern gefährlich, da es fast keine Unterstandsmöglichkeiten gibt. 

Die Pause nach den zwei harten ersten Tagen tat uns gut und wir ergänzten unsere Vorräte für die zwei bevorstehenden Tage ohne Einkaufsmöglichkeit. Noch vor Sonnenaufgang packten wir unsere Sachen und radelten los, zunächst ein Stück bergab auf der Hauptstraße und dann zum kleinen Ort La Brigue, zum zweiten Frühstück und dem Einstiegspunkt zur Via del Sale. Schon kurz hinter dem Ort endete die Straße und eine zum Teil grobe Schotterpiste begann. Mit Gepäck und beladen mit 8 Liter Wasser sowie Lebensmitteln für zwei Tage war das eine harte Nummer. Inzwischen knallte auch die Sonne in den Südhang, in dem wir uns gerade befanden, so dass der Schweiß bei uns in Strömen lief. Dennoch, oder vielleicht sogar weil wir nur langsam vorankamen, genossen wir die Ruhe der Bergwelt und die schönen Ausblicke. Bis plötzlich das erste Motorrad röhrend vorbeistaubte. Die Strecke ist leider unter Jeep- und Motocrossfahrern sehr beliebt und so sollten an dem Tag noch etliche Fahrzeuge folgen, meist fuhren sie sogar im Konvoi mit einem Guide. Manche der Fahrer blickten uns aus ihren Fahrzeugen heraus bemitleidend an, weil wir aus eigener Kraft bergauf fahren mussten. Wir hingegen dachten uns, bei diesem Gerüttel und Geschaukel im Fahrzeug würde uns nur übel werden und von der umliegenden Schönheit der Natur bekommt man vor lauter Fahrstress auf der teil sehr engen Trasse und dröhnender Motoren auch nichts mit. 

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Auffahrt zur Via del Sale
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Auffahrt zur Via del Sale in der Mittagshitze

Nach Stunden erreichten wir den ersten Sattel auf 1900 m und genossen die Aussicht. Die Trasse verlief ab jetzt im ständigen Auf und Ab auf teilweise sehr grobem, holprigen Untergrund entlang der Berghänge. Immerhin 40 km und 1400 Höhenmeter lagen bis zum Endpunkt der Strecke am Col de Tende noch vor uns. Inzwischen war die Luft kühl und angenehm geworden, allerdings wuchsen die Quellwolken bedrohlich an und die ersten Gewitter bildeten sich. Das erste streifte uns nur mit einem kurzen Regenschauer und beim zweiten fanden wir einen notdürftigen Unterstand in einer offenen Hütte. Dort warteten wir nicht lange, bis sich zwei Italiener zu uns gesellten. Er fuhr mit einem ungefederten Gravelbike, sie mit einem MTB-Pedelec. Während es regnete, erzählte uns das ortskundige Paar von den uns bevorstehenden schönen Kilometern auf der Grenzkammstraße. Zum Glück währte der Regen nur kurz und so gings bald flott weiter, jetzt durch einen wunderschönen Lärchenwald und fast ohne Verkehr.

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Lärchenwald auf der Via del Sale

Inzwischen war es später Nachmittag und die Sonne stand schon wieder tief, als wir an einer Art Mautstelle mitten auf der Schotterstraße vorbeikamen. Nachts ist die Strecke für den motorisierten Verkehr gesperrt, doch wir wurden freundlich durchgewunken. Es wurde langsam Zeit, uns einen Zeltplatz zu suchen. Das ist keine leichte Aufgabe am Berg, wenn der Hang entweder steil abfällt oder Almen mit Kühen, Schafen und ziemlich großen, wehrhaften Hirtenhunden in der Nähe sind. In der Dämmerung fanden wir nach einer Weile endlich einen geeigneten Stellplatz neben der Straße, aßen noch zu Abend und krochen müde aber glücklich von den Eindrücken des Tages in unsere Schlafsäcke. Inzwischen war es still und ziemlich frisch geworden, nur der Wind rüttelte sachte am Zelt. Dann, mitten in der Nacht schreckten wir hoch, was war das für ein Tier, das wir da hörten? Ein Hirtenhund? Oder doch ein Wolf, von denen es hier laut den zwei Italienern ein kleines Rudel geben soll? Wir verhielten uns still, wagten kaum zu atmen, bis sich das Tier langsam wieder entfernte und schnauften erleichtert durch. 

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Sonnenaufgang auf der Via del Sale
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Via del Sale

Der nächste Morgen dämmerte heran und wir frühstückten in der Kühle, bis uns die ersten Sonnenstrahlen erreichten. Die Stimmung war wundervoll friedlich und die Fernsicht in der klaren Luft hervorragend. Noch etwas müde schwangen wir uns wieder in den Sattel und fuhren die folgenden Kilometer noch völlig ohne Verkehr bis zum Rifugio Don Barbera. Waren die gestrigen Ausblicke schon großartig gewesen, so steigerte sich das Panorama am zweiten Tag noch weiter. Immer wieder mussten wir einen Fotostopp einlegen, um die Aussicht zu genießen. Als wir am späten Morgen am Rifugio ankamen, gönnten wir uns in der Wärme der Hütte einen großen Kaffee mit frischem Kuchen. Unser Grinsen kehrte zurück und der Schlafmangel der letzten Nacht war vergessen! So gestärkt konnte die heutige Etappe weitergehen.

 

Die Strecke führte weiterhin teils steil bergauf und bergab, mal schottrig und dann wieder relativ gut durch eine atemberaubende Bergkulisse. Kaum zu glauben, dass diese Straße im ersten Weltkrieg aus rein militärischen Zwecken angelegt wurde. Nur ein paar Überreste von Befestigungsanlagen erinnern heute noch daran. Ein paar Stunden später gelangten wir schließlich auf die letzte Anhöhe der Strecke, den Colle Campanino, von der wir in der Ferne und weit unter uns gelegen, die Passhöhe des Col de Tende auf immerhin 1871 m sehen konnten. Flott ging es auf einer inzwischen wieder guten Schotterstraße bergab zum Pass. Dort angekommen empfing uns der typische Touristenrummel mit Berghütten und Kiosken, die Ruhe war vorbei. Also nichts wie weiter bergab. Wieder auf Asphalt, dafür sehr schnell rauschten wir runter nach Italien in Richtung Cuneo, unserem Tagesziel.

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Blick zum fernen Rifugio don Barbera

Der Unterschied zwischen den Bergen und der Ebene war krass. Statt friedlich grasender Kühe und Schafe, kühler Bergluft, Ruhe und einer umwerfenden Aussicht rauschte wieder der dichte Verkehr auf der Hauptstraße an uns vorbei. Der Zeltplatz nahe Cuneo war voll (mit Dauercampern), laut und umgeben von Wohnhäusern. Zwar freuten wir uns nach zwei Tagen harter Fahrt sehr auf die heiße Dusche, innerlich aber sehnten wir uns schon wieder nach der Stille der Berge.

Teil 2: Cuneo, Valle Maira und Strada dei Cannoni

Nizza-München Rallye, Cunego, Turin, Übersichtskarte
Teil 2: Cuneo - Strada dei Cannoni - Turin

Die Stadt Cuneo hat uns gut gefallen und so ließen wir es am kommenden Morgen ruhig angehen, mit Cappuccino und süßen Teilen in einem Café im Zentrum. Nach einer Runde durch die Innenstadt machten wir uns nach dem zweiten oder dritten Frühstück gegen Mittag auf den Weg ins Valle Maira. Ab Dronero, dem Beginn des Tals, ließ auch der Verkehr etwas nach und so konnten wir die Auffahrt zu unserem Tagesziel, einem Zeltplatz bei Ponte Marmora wieder genießen. Das Tal zog sich mit dem vorherrschenden Gegenwind in die Länge und wir spürten die Etappen der letzten Tage in den Beinen, so dass wir den Zeltplatz nach einem Regenschauer erst spät erreichten. Doch was für ein Unterschied zum Morgen, hier herrschte wieder Ruhe und es gab genügend Platz! Wir erfuhren, dass hier noch von 9% der Bevölkerung Okzitanisch gesprochen wird, eine galloromanische Sprache, die auch noch in einigen Seitentälern zum Valle Maira sowie in Südfrankreich und sogar in Katalonien verbreitet ist.

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Leckeres Frühstück beim Zeltplatz Ponte Marmora

Der Betreiber des Zeltplatzes in Ponte Marmora bot frische Panini und Kaffee an und so starteten wir am kommenden Morgen gut gelaunt zum zweiten großen Highlight dieser Tour, der Strada dei Cannoni. Nach wenigen Metern verließen wir die Hauptstraße im Tal und bogen auf eine für den normalen Verkehr gesperrte Straße in Richtung des Bergdorfes Elva ein. Schaurig-schön verlief die Route durch ein steiles, schluchtartiges, enges Tal. Die Straße war zum Teil übersät mit Steinen und kleineren Felsbrocken und immer wieder durchfuhren wir unbeleuchtete Felstunnels. Bei schlechter Witterung wäre diese Strecke vermutlich aufgrund der Steinschlaggefahr lebensgefährlich gewesen, wir hingegen genossen die Ruhe.

In Elva gönnten wir uns eine ausgiebige Mittagspause und nutzten die letzte Möglichkeit für eine Einkehr und eine Besichtigung der romanischen Kirche mit seinen wunderschönen Fresken. Denn auf der Passhöhe und der gesamten Strada dei Cannoni würde es keine weitere Verpflegungsmöglichkeit mehr geben. Es wurde wieder Zeit weiter zu fahren, immerhin sagte der Wetterbericht für den Nachmittag einzelne Gewitter voraus. Ein letztes Mal konnten wir ein paar Kilometer weiter unsere Wasserflaschen füllen, dann begannen die letzten Kilometer zum Colle di Sampeyre auf 2270 m, dem Beginn der Kammstraße.

Oben angekommen verweilten wir nur kurz. Mittlerweile war der Himmel von hohen Wolken überzogen und in der Ferne brauten sich Gewitterzellen zusammen. Anfangs war die Trasse prima zu fahren und in gutem Zustand, bis sie plötzlich gesperrt war! Der Untergrund wurde schlagartig sehr schlecht und hinter uns zog ein Gewitter näher, was also machen? Da auf der Straße weit und breit kein Schutz zum Unterstellen zu sehen war, entschieden wir uns fürs Weiterfahren. Wir wollten den nächsten Bergstock erreichen und hofften, an seiner Flanke eine etwas geschütztere Stelle zu finden. Wir kamen auf dem schlechten Weg nur langsam voran und erreichten eine Stelle, an der die Trasse zur Hälfte abgerutscht war. Jetzt war klar, warum die Strecke gesperrt war. Wenden mit einem Fahrzeug wäre hier unmöglich gewesen, dafür war der Weg zu schmal. Kaum hatten wir die nächste Bergflanke umrundet, holte uns das Gewitter ein. Es regnete kräftig und wir traten weiter in die Pedale um dem Gewitter zu entfliehen.

Endlich ging es wieder etwas bergab, so dass wir Boden gut machen konnten. Das ging gerade nochmal gut, dachten wir uns. Der Berg hinter uns war inzwischen in dunkle Wolkentürme gehüllt und es donnerte zu uns herüber. Aus der Distanz betrachtet bot sich ein spektakulärer Anblick. Doch unser Weg auf der Kammstraße war noch weit, also fuhren wir weiter. Es folgte eine üble Abfahrt, die Straße war voll mit grobem Schotter, zum Teil mit felsigem Untergrund, so dass wir selbst bergab nur langsam und mit voller Konzentration fahren konnten. Ein einsamer MTB-Fahrer auf seinem Enduro kam uns kämpfend entgegen. Hier hätten wir gerne mit seinem Rad getauscht. Nach etwa einer Stunde Rüttelei wurde der Weg plötzlich wieder prima. Wir hatten das Ende der gesperrten Teilstrecke erreicht.

Entspannt ging es fortan fast eben für die nächsten Kilometer entlang der Berghänge weiter in Richtung Osten, die in der Abendsonne liegende ferne Poebene bereits im Blick, während hinter uns sich die Gewitterwolken weiter türmten. Kurz vor dem Sonnenuntergang erreichten wir einen grasbewachsenen Sattel mit einem traumhaften Panorama. Müde und glücklich entschieden wir uns hier zu übernachten.

Der erste Mensch, der uns am kommenden Morgen begegnete, war ein italienischer Pilzesammler. Gut gelaunt grüßte er uns und stapfte an unserem Zeltplatz vorbei. Nur gut, dass wir das Zelt bereits verpackt hatten, dachten wir uns. Langsam kroch derweil die Sonne über den Horizont, während wir frühstückten und die Aussicht genossen. Ab hier würde es nur noch bergab gehen bis in die Poebene nach Saluzzo und Savigliano. Flott gings die folgenden asphaltierten Kilometer ins Tal und beim ersten Café am Straßenrand kehrten wir ein. Bei einem Cappuccino und frischen Cornetto wärmten wir uns in der Morgensonne vor dem Café auf. Ab jetzt war wieder Straßenverkehr und Hektik angesagt. Als wir gegen Mittag Savigliano erreichten, nahmen wir den Zug zu unserem nächsten Highlight der Reise, Turin.

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Strada dei Cannoni
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Sonnenaufgang über der fernen Poebene

Teil 3: Turin - Colle del Nivolet - Martigny - Solothurn

Nizza-München Rallye, Turin, Grosser Sankt Bernhard, Martigny, Übersichtskarte
Teil 3: Turin - Gr. Sankt Bernhard - Martigny
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Beginn des Gran Paradiso Nationalparks
Berghuhn.de, Esel, Gran Paradiso
tierische Fans am Wegesrand

Nach zwei Nächten in der pulsierenden Metropole und etwas Kulturprogramm brachen wir wieder auf. Die ersten 30 km aus der Stadt über-brückten wir mit einem Regionalzug, um dem größten Verkehr zu entgehen. Somit begann der dritte Teil unserer Tour in Rivarolo. Wir deckten uns noch mit Lebensmitteln für zwei Tage ein und begannen die lange Auffahrt ins Valle di Locana zum Lago di Ceresole, immerhin fast 50 km und 1280 Höhenmeter entfernt. Dort übernachteten wir auf einem Zeltplatz und wollten am kommenden Tag den höchsten Punkt unserer gesamten Tour, den Colle del Nivolet mit 2612 m überqueren. Doch es kam anders als geplant.

Bislang hatten wir viel Glück mit dem Wetter gehabt, im entscheidenden Moment war es stets trocken und recht mild gewesen. Doch eine Kaltfront und damit die ersten Anzeichen des Herbstes rückte näher. Als wir am Abend mit den schwer beladenen Rädern den Zeltplatz unterhalb des Stausees erreichten, pfiff uns bereits ein kräftiger Wind entgegen, doch wir planten noch immer, den Pass zu überqueren. Wer sich jetzt denkt, dieser Pass ist mir völlig unbekannt, der ist in guter Gesellschaft. Eigentlich ist es nur eine halber Pass, weil die asphaltierte Straße an der Passhöhe endet. Während man damals den Pass asphaltierte, wurde der Gran Paradiso Nationalpark eingerichtet und das ursprüngliche Bauvorhaben, eine Verbindung ins Aostatal herzustellen, gestoppt. Als Fußgänger kann man den Pass trotzdem auf einem Wanderweg überqueren, der weiter unten recht steil sein soll. Schiebend geht das auch mit dem Rad und das Panorama soll großartig sein

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Col de Nivolet - Umfahrung eines Tunnels
Berghuhn.de, Col de Nivolet, Gran Paradiso, Nationalpark
Col de Nivolet - Umfahrung eines Tunnels

Zurück zur Tour. Der aktuellste Wetterbericht sagte das Eintreffen der Kaltfront mit Regen gegen Mittag des kommenden Tages voraus, so dass wir planten, schon sehr früh zu starten, um den Pass bereits am Vormittag überquert zu haben. Leider wurde nichts daraus. Beim routinemäßigen Radlcheck stellte sich heraus, dass an Judiths MTB ein Tausch der vorderen Bremsbeläge nötig war und die mitgebrachten Ersatzbeläge waren die falschen, trotz richtiger Bezeichnung auf der Verpackung! Enttäuscht und genervt blieb uns nichts anderes übrig, als den gesamten Anstieg ins Tal zurück zu fahren, da wir nicht das Risiko eingehen wollten am Ende bei schlechtem Wetter auf einer technischen Abfahrt ohne funktionierende Bremse dazustehen. 

Letztlich hatten wir an dem Abend die richtige Entscheidung getroffen, die Wolken hingen bereits am folgenden Morgen tief, die Aussicht oben wäre gleich Null gewesen und es war empfindlich kalt geworden, obwohl unser Zeltplatz noch fast 1100 m unterhalb der Passhöhe lag. So rollten wir warm eingepackt zurück ins Tal und machten uns über Ivrea auf den Weg ins Aostatal, während es hinter uns weiter zuzog. In Ivrea waren wir dann endgültig froh uns für das Tal entschieden zu haben. Kaum waren wir in der Stadt, fing es an zu regnen und die Temperaturen waren derweil weiter gesunken. Einige Kilometer nach der Stadt fanden wir zufällig einen schönen Zeltplatz neben der Hauptstraße, wo wir übernachteten. Die ganze Nacht über blies ein kräftiger Wind durchs Tal und rüttelte am Zelt. Der nächste Morgen war dann ziemlich frisch, aber sonnig. Gefühlt war es schlagartig herbstlich geworden, das schwül-heiße Wetter der letzten Tage war vorbei. Bei starkem Gegenwind, Sonnenschein, aber auch dichtem Reiseverkehr fuhren wir weiter durchs Aostatal und nahmen abends noch den Großen Sankt Bernhard Pass in Angriff. Wir erreichten in der einsetzenden Dämmerung das Örtchen Etroubles und waren froh über den ruhigen Zeltplatz. Doch es sollte die kälteste Nacht unserer Tour werden, mit nur noch einstelligen Plusgeraden. 

Der Morgen war kalt aber wieder sonnig, ein richtiger Herbsttag mit klarer Luft. Wir ließen es entspannt angehen und kauften im nahegelegenen Alimentari gefühlt die halbe Theke leer. Die Bank vor dem Geschäft lag in der wärmenden Morgensonne und so frühstückten wir erst einmal ausgiebig, bevor wir uns in den finalen Anstieg zum Großen St.Bernhard mit 2469 m machten. Glücklicherweise nimmt ein paar Kilometer vor der Passhöhe der meiste Verkehr einen Tunnel, vor allem die LKWs, so dass man bis zur Passhöhe die Landschaft wieder genießen kann.

An dem Tag war das Wetter perfekt, mit einer idealen Fernsicht auf die umliegende Bergwelt, so dass wir die Auffahrt voll genießen konnten. Auf der Passhöhe selbst liegt die Grenze zur Schweiz, mit dem obligatorischen Touristenauflauf, so dass wir uns nach einer kurzen Rast in die Abfahrt begaben. Die ersten Kilometer geht es steil auf einer engen, kurvigen Bergstraße mit vielen Kehren bergab, bis man plötzlich vor einem Tunnel bzw. einer kilometerlangen Lawinengallerie steht. Hier mündet die schöne Passstraße wieder auf die stark befahrene Hauptstraße ein. Ein Umfahren des Tunnels war nicht möglich, also hieß es das Licht am Rad einschalten und weiter. Zum Glück hielt sich der Verkehr im Tunnel in Grenzen, doch Spass macht das keinen, wenn von hinten die LKWs herandröhnen. 

Weiter unten bot sich dann wieder ein freundliches Bild des Tals mit sonnigen Wiesenhängen und Ausblicken auf vergletscherte Berge in der Ferne. Überragt wurden sie vom imposanten Grand Combin mit 4314 m. Diese Ausblicke entschädigten uns für die letzten zwei harten Tage und so ging es weiterhin flott bergab bis wir schließlich am Abend in einem irrwitzigen Berufsverkehr die Stadt Martigny erreichten. Müde aber glücklich bauten wir nach einem langen Tag im Sattel unser Zelt auf und hatten eine ruhige und milde Nacht.

Das ungeplante Finale der Tour

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Radweg entlang der Rhône

Eigentlich wollten wir ab hier durch die Zentralschweiz entlang der Rhône über den Furka- und Oberalppass fahren und später entlang des Rheins bis zum Bodensee radeln. Eigentlich - denn zum zweiten Mal spielte das Wetter nicht mit. Noch einen letzten Sommertag versprach der Wetterbericht, bevor es anschließend für mehrere Tage regnerisch und kühl werden sollte. Im strömenden Regen bei einstelligen Temperaturen über hohe Pässe fahren? Nein danke, wir planten zum zweiten Mal auf dieser Tour um. Statt über die Pässe fuhren wir stromabwärts entlang der Rhône zum Genfer See und übernachteten auf einem Zeltplatz nahe Montreux. 

Nizza-München Rallye, Martigny, Lausanne, Solothurn, Übersichtskarte
Letzter Abschnitt: Martigny - Lausanne - Solothurn

Der Radweg bis zum Genfer See war perfekt ausgeschildert und so ging es bei Sonnenschein und warmen Temperaturen bis zum See. Der Zeltplatz lag genial, direkt am Wasser, doch diente er zugleich als Liegewiese für das Freibad! Der Rummel war wegen des schönen Wetters also bis in die Nacht hinein groß und unser Zelt durch eine Straßenlaterne derart gut beleuchtet, dass man locker ohne Lampe ein Buch hätte lesen können. Naja, für eine Nacht musste es gehen.

Etwas übernächtigt fuhren wir am nächsten Tag weiter auf der gut ausgebauten Uferstraße bis Lausanne. Nach einer Mittagspause bogen wir von dort in nördlicher Richtung zum Lac de Neuchâtel ab, unserem Tagesziel. Doch der angekündigte Wetterumschwung schickte seine Vorboten voraus. Bereits in Lausanne erwischte uns ein kräftiger Schauer, so dass wir eine einstündige Pause einlegen mussten. Bis zum Abend blieb es dann trocken aber auch deutlich kühler. Wenigstens fanden wir ein ruhigen, am See gelegenen Zeltplatz. Das Bad im kristallklaren See fiel aus, denn der nächste große Schauer kündigte sich an.

Wolkig, aber bei trockener Witterung starteten wir am kommenden Morgen und setzten unsere Reise durch die Schweiz Richtung Nordosten fort. Entspannt ging es entlang des Sees auf einem gut ausgewiesenen Radweg Richtung Biel und bis kurz vor Solothurn entlang des Flusses Aare. Hier erlebten wir die Schweiz von ihrer flachen Seite. Wir radelten durch ein riesiges Anbaugebiet für Gemüse, meist auf kleinen mit Betonplatten befestigten Wirtschaftswegen und abseits der Hauptstraßen. Kurz vor Solothurn sollten wir dann, ohne es zu wissen, unsere letzte Nacht dieser Tour im Zelt verbringen. 

Der Zeltplatz war zwar sehr sauber, kam uns aber extrem spießig vor und versprühte das Flair der 60er Jahre. Die Zeit schien hier stehengeblieben zu sein. Im Grunde befand er sich auf einem alten, aufgelassenen Bauernhof, dessen Obstwiesen jetzt als Stellplatz für diverse Dauercamper mit ihren Gartenzwergen diente - und genau in der Mitte standen wir, mit dem einzigen Zelt!

Das Durchschnittsalter der wenigen Camper dürfte bei knapp 70 gelegen haben und für die Benutzung der Dusche und die Müllentsorgung wurden wir extra und nicht zu knapp zur Kasse gebeten. Garniert war die gefühlte schamlose Abzocke mit schlauen Sprüchen aus der Bibel, die verteilt im Waschhaus hingen! Wir hatten genug. Am kommenden Tag waren wir froh, diesen Ort verlassen zu können. Was wir zu dem Zeitpunkt noch nicht wussten war die Tatsache, dass unsere Tour heute Nacht enden würde. Das Wetter spielte nun endgültig nicht mehr mit. Es war mit etwa 13 Grad ziemlich kühl, windig, die Wolken über dem nahen Schweizer Jura hingen tief und schon auf den ersten Kilometern setzte leichter Sprühregen ein. Selbst zwei brütende Störche blickten misstrauisch von ihrem Horst auf uns herab. Der Blick auf die Wettervorhersage für die kommende Woche sah recht einheitlich aus: Regen, Regen und nochmals Regen. 

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Ein Vorgeschmack auf das Wetter der nächsten Tage - Lac de Neuchâtel

Kurzerhand stiegen wir in Solothurn in den Zug und fuhren bis Sankt Gallen, kurz vor dem Bodensee. Der letzte Funke Hoffnung, dort könnte das Wetter besser sein, verflog schon während der Zugfahrt. Es regnete nicht, es schüttete wie aus Kübeln. Wir wollten nicht lange auf Anschlusszüge warten, also entschlossen wir uns trotz des Regens bis Lindau zu radeln und von dort mit dem Regionalzug bis München zu fahren. Schon lange waren wir nicht mehr so nass geworden, gefühlt fuhren wir durch eine Waschstraße abwärts zum Ufer des Bodensees. Als wir am frühen Abend in Lindau am Bahnhof angekommen waren, bildeten sich Pfützen um uns in der Wartehalle, während wir die Tickets für den Zug lösten. Dankenswerter Weise fiel auch noch die reguläre direkte Zugverbindung aus, so dass wir statt dessen in einem übervollen Bummelzug stehend und dabei die Räder haltend bis München tuckerten. Willkommen daheim!

Zum Abschluss

Berghuhn.de
Das Abenteuer geht weiter

Wer jetzt denkt, die Reise endete für uns enttäuschend, der irrt. Wir waren froh, dass wir die Route und vor allem die Rückfahrt ohne Reservierungen so frei gewählt hatten. Dies bot uns die Möglichkeit, flexibel auf Unvorhergesehenes zu reagieren. In den Bergen und vor allem nördlich des Alpenhauptkamms muss man immer mit schlechtem Wetter rechnen und die für uns wichtigsten Abschnitte der Tour konnten wir wie geplant durchführen. Auch die gesamte Campingausrüstung hat sich bewährt, ebenso unsere neuen MTBs mit den eigenen Modifikation rund um den Gepäckträger und die Fronttasche (siehe Blogartikel dazu). Wir hatten noch nicht mal einen einzigen Platten, trotz zum Teil übler Pisten. 

Der Reiz der Tour lag im Nachhinein betrachtet in der Vielfalt der Landschaften und Kulturen auf engem Raum. Innerhalb weniger Kilometer gelangten wir von pulsierenden Städten mitten ins Grüne und auf kleinsten Straßen in die stillen Berge, gefühlt in eine andere Welt. Erst Tage nach unserer Rückkehr begannen wir zu realisieren, was für eine geniale Tour wir gemacht hatten. Eines steht jedenfalls schon heute für uns fest, das war nicht unser letztes Abenteuer dieser Art und Ideen haben wir noch genug!

 

Wir freuen uns auf Euer Feedback, Fragen und Kommentare, wie immer per Mail an: team@berghuhn.de